Medea macht Ägäus zu ihrem König

Als Medea in Ägäus’ Haus einzog, wusste sie bereits, was sie wollte.

Ägäus.

Nicht nur seinen Schutz. Nicht nur ein Zimmer, in dem sie niemand finden würde. Nicht nur Athen.

Ihn.

Sie hatte Männer kennengelernt, die mächtiger waren als Ägäus. Männer, die schöner waren. Männer, die entschlossener auftraten und größere Versprechen machten.

Jason war einer von ihnen gewesen.

Ägäus war anders.

Er war kein Held. Obwohl er Herakles verehrte, wusste er selbst, dass er keiner war. Er zweifelte. Er erzählte zu viel. Er machte Versprechen, bevor er wusste, ob er sie halten konnte. Und wenn er einen Fehler bemerkte, dachte er noch Wochen später darüber nach.

Medea mochte das.

Vielleicht gerade deshalb, weil Jason niemals an sich gezweifelt hatte.

Ägäus hatte ihr einst großspurig versprochen, sie könne jederzeit nach Athen kommen und unter seinem Schutz leben.

Nun war sie gekommen.

Und er hatte zugeben müssen, dass er nicht einmal König war.

Er hatte sich vor ihr geschämt.

Medea hatte ihn nicht ausgelacht.

Sie hatte ihm angesehen, wie sehr er darunter litt, von Pallas überlistet zu werden. Wie sehr ihn dessen fünfzig Söhne einschüchterten. Wie sehr er sich einen eigenen Sohn wünschte. Und wie sehr er glaubte, für all das schlicht nicht klug genug zu sein.

Medea kannte solche Männer.

Man musste ihnen nicht sagen, dass sie stark waren.

Man musste ihnen das Gefühl geben, mit einem selbst stärker zu sein.

Darin brauchte Medea keine Zauberei.

Zunächst tat sie fast nichts.

Sie hörte zu.

Ägäus erzählte ihr, welcher Adlige Pallas unterstützte. Medea fragte nach dessen Frau.

Ägäus erzählte ihr von einem Mann, der ihn im Rat ständig bloßstellte. Medea wollte wissen, wem dieser Mann Geld schuldete.

Ägäus berichtete von zwei Söhnen des Pallas, die unzertrennlich seien.

„Nein“, sagte Medea nach einigen Wochen.

„Was nein?“

„Sie hassen einander.“

Ägäus lachte.

„Die beiden?“

„Beide wollen dasselbe.“

„Was?“

„Dass ihr Vater sie für den wichtigsten seiner Söhne hält.“

Ägäus hörte auf zu lachen.

Medea musste sie nicht verzaubern.

Sie musste nur dafür sorgen, dass jeder von ihnen erfuhr, was der andere angeblich über ihn gesagt hatte.

Wenige Wochen später stritten die Brüder öffentlich.

Ägäus kam am Abend zu ihr.

„Wie hast du das gemacht?“

Medea lächelte.

Ägäus lächelte ebenfalls.

Damals liebte sie diesen Blick.

Bewunderung.

Sie hielt ihn für den Anfang von Liebe.

Bald wurde Ägäus mutiger.

Menschen, die früher zuerst Pallas besucht hatten, kamen nun auch zu ihm. Bei Streitigkeiten wurde nach seiner Meinung gefragt.

Medea saß häufig dabei.

Manchmal sagte sie fast nichts.

Sie musste lernen, Ägäus nicht vor anderen zu verbessern. Das kränkte ihn.

Also besprachen sie die Dinge vorher.

Wenn Ägäus am nächsten Tag im richtigen Augenblick die richtigen Fragen stellte, staunten die anderen über seinen politischen Instinkt.

Medea beobachtete ihn dabei.

Sie war stolz auf ihn.

Und vielleicht noch ein wenig stolzer auf sich selbst.

Am Abend erzählte Ägäus begeistert, wie gut alles gelaufen war.

„Pallas wusste gar nicht, was er sagen sollte!“

Medea lachte mit ihm.

Sie wartete darauf, dass er sie küsste.

Manchmal tat er es.

Manchmal nicht.

Es gab Nächte, in denen Ägäus nicht schlafen konnte.

Dann dachte er an Pallas.

An Delphi.

An den Orakelspruch vom Weinschlauch.

Und an Aithra.

Vielleicht hatte sie ein Kind bekommen.

Vielleicht nicht.

Ägäus wusste es nicht.

Medea hörte ihm zu.

Dann begann sie, ihm kleine Tränke zu bereiten.

Kräuter gegen Unruhe.

Mohn.

Wurzeln, deren Dosierung man kennen musste.

Ägäus schlief.

Am Morgen war er dankbar.

„Was würde ich ohne dich machen?“

Medea merkte sich diesen Satz.

Was würde ich ohne dich machen?

Nicht:

Ich liebe dich.

Aber vielleicht war das beinahe dasselbe.

Medea wusste viel über phármaka.

Mehr als irgendein Arzt in Athen.

Sie hatte dieses Wissen nicht dort gelernt.

Sie stammte aus Kolchis, vom anderen Ende des Schwarzen Meeres. Ihr Vater Aietes war König gewesen. Ihr Großvater war Helios, die Sonne.

Und Hekate hatte ihr Dinge beigebracht, die andere Menschen besser nicht wissen sollten.

Medea kannte Pflanzen, die Schmerzen nahmen.

Andere hielten einen Menschen wach.

Andere ließen ihn schlafen.

Manche heilten.

Manche töteten.

Manchmal war es dieselbe Pflanze.

Nur die Menge unterschied Heilmittel und Gift.

Jason hatte das gewusst.

Damals war Medea jung gewesen.

Sie hatte ihm geholfen, die feuerspeienden Stiere ihres Vaters zu bezwingen. Sie hatte ihm ein Mittel gegeben, das seine Haut und seine Waffen schützte.

Sie hatte den Drachen beim Goldenen Vlies in Schlaf versetzt.

Sie hatte ihre Heimat verraten.

Für Jason.

Sie hatte geglaubt, wenn ein Mensch alles für einen anderen tue, müsse daraus etwas entstehen, das niemals zerbrechen könne.

Dann hatte Jason sie verlassen.

Für eine andere Frau.

Medea hatte gelernt, was man mit einem Gewand tun konnte, wenn man die richtigen Gifte kannte.

Sie dachte nicht gern daran.

Aber sie vergaß es auch nicht.

Bei Ägäus wollte sie es anders machen.

Diesmal würde sie nicht nur die Frau sein, die einem Helden half.

Sie würde gemeinsam mit einem Mann etwas aufbauen.

Und Ägäus brauchte sie.

Zunächst waren es Ratschläge gewesen.

Dann kamen die Tränke.

Dann der erste Schlafzauber.

Ein Mann des Pallas bewachte Dokumente, die Medea sehen wollte.

Ägäus sagte, es sei unmöglich.

„Dann finden wir einen anderen Weg“, sagte er.

Medea freute sich darüber. Er hatte tatsächlich etwas von ihr gelernt.

Aber sie kannte einen einfacheren Weg.

In jener Nacht sprach sie Worte, die sie seit Kolchis nicht mehr gesprochen hatte.

Sie rief Hypnos.

Der Wächter schlief.

Nicht wie ein müder Mann.

Wie ein Toter.

Medea nahm die Dokumente.

Am Morgen lagen sie auf Ägäus’ Tisch.

Er starrte sie an.

„Wie?“

„Du wolltest sie doch.“

„Wie hast du sie bekommen?“

Medea lächelte.

Diesmal lächelte Ägäus nicht zurück.

Zum ersten Mal sah sie etwas in seinem Gesicht, das sie nicht sehen wollte.

Unbehagen.

Es dauerte nur einen Augenblick.

Dann bedankte er sich.

Medea beschloss, sich an den Dank zu erinnern.

Nicht an den Augenblick davor.

Pallas verlor weiter an Einfluss.

Doch manche Menschen ließen sich nicht durch Gerüchte oder Versprechen bewegen.

Medea hatte auch dafür Mittel.

Ein Mann wurde während eines Festmahls krank.

Nicht tödlich.

Nur krank genug, um mehrere Wochen nicht an den Versammlungen teilzunehmen.

Ägäus fragte sie:

„Warst du das?“

Medea antwortete nicht sofort.

Das genügte.

„Medea.“

„Er lebt.“

„Das habe ich nicht gefragt.“

„Und du hast bekommen, was du wolltest.“

Ägäus stand auf.

„Ich wollte nicht, dass du ihn vergiftest.“

„Du wolltest, dass er dich nicht mehr behindert.“

„Das ist nicht dasselbe.“

Medea verstand diesen Satz nicht.

Natürlich war es nicht dasselbe.

Das eine war ein Wunsch.

Das andere war eine Lösung.

Sie versuchte danach vorsichtiger zu sein.

Und sie tat etwas für Ägäus selbst.

Er wurde älter. Nicht sehr alt, aber Medea bemerkte die ersten grauen Haare, die Müdigkeit nach langen Tagen, die Schmerzen, wenn er morgens aufstand.

Sie kannte Mittel dagegen.

Schließlich hatte sie einst noch viel Größeres vollbracht.

Aison, Jasons Vater, war alt gewesen.

Medea hatte Kräuter gesammelt, Säfte gemischt und Mächte angerufen, deren Namen andere Menschen nicht einmal auszusprechen wagten.

Sie hatte einem alten Körper Jugend zurückgegeben.

Und sie hatte später den Töchtern des Pelias gezeigt, was ihre Kunst vermochte.

Ein alter Widder war in den Kessel gekommen.

Ein junges Tier war herausgesprungen.

Die Töchter des Pelias hatten geglaubt, Medea könne dasselbe mit ihrem Vater tun.

Sie hatten ihr geglaubt.

Pelias war nicht wieder aus dem Kessel gestiegen.

Medea wusste also, wie schmal die Grenze zwischen Verjüngung und Tod war.

Für Ägäus bereitete sie nur kleine Mengen.

Seine Schmerzen verschwanden.

Sein Gesicht wirkte frischer.

Er fühlte sich kräftiger.

Anfangs war er begeistert.

Dann fragte er:

„Was genau gibst du mir eigentlich?“

„Etwas, das dir hilft.“

„Kann ich damit aufhören?“

Medea war verletzt.

„Natürlich.“

Ägäus tat es.

Und Medea verstand wieder nicht, weshalb ein Geschenk ihn von ihr entfernte.

Schließlich begann sie wieder Hekate anzurufen.

Nicht wegen Ägäus.

Das sagte sie sich zumindest.

Wegen Athen.

Wegen Pallas.

Wegen ihrer Feinde.

Nachts verließ sie das Haus. Sie sammelte Pflanzen an Orten, an denen niemand sie sah. Sie sprach alte Beschwörungen aus Kolchis.

Ägäus wachte einmal auf und fand ihre Seite des Bettes leer.

Er wartete.

Als Medea zurückkam, fragte er nicht, wo sie gewesen war.

Das verletzte sie beinahe mehr, als wenn er wütend geworden wäre.

Sie wollte, dass er sich für sie interessierte.

Also erzählte sie es ihm.

Ägäus wurde bleich.

Medea sah wieder diesen Ausdruck.

Angst.

Sie kannte Angst.

Ihr Vater hatte Angst vor ihr gehabt.

Pelias hatte allen Grund gehabt, Angst vor ihr zu haben.

Jason hatte am Ende Angst vor ihr gehabt.

Aber Ägäus?

Nein.

Nicht Ägäus.

Ägäus sollte sie lieben.

Also tat Medea noch mehr für ihn.

Pallas wurde schwächer.

Seine Söhne verloren Verbündete. Einige verließen Athen. Andere zerstritten sich. Manche wagten nicht mehr, Ägäus offen herauszufordern.

Ägäus wurde mächtiger.

Schließlich war er wirklich König.

Medea wurde Königin.

Sie hatte das erreicht, was sie ihm versprochen hatte.

Sie wartete.

Doch nichts veränderte sich.

Ägäus war dankbar.

Er bewunderte sie.

Er brauchte sie.

Manchmal begehrte er sie.

Aber Medea begann zu verstehen, dass all diese Dinge nebeneinander existieren konnten, ohne Liebe zu sein.

Sie dachte:

Ich muss noch mehr für ihn tun.

Und jedes Mal, wenn sie etwas tat, das Ägäus mächtiger machte, sah sie etwas häufiger Angst in seinen Augen.

Je mehr er sie brauchte, desto weniger Nähe suchte er.

Je mehr sie für ihn tat, desto weniger erzählte er ihr.

Medea konnte einen Mann einschläfern.

Sie konnte einen Körper mit Giften zerstören.

Sie konnte aus Pflanzen Heilmittel machen.

Sie konnte Jugend zurückbringen.

Sie konnte Hekate anrufen.

Sie konnte die Schwächen eines Menschen erkennen, bevor dieser sie selbst bemerkte.

Nur eines konnte sie nicht.

Sie konnte Ägäus nicht dazu bringen, sie zu lieben.

Dann kam Theseus nach Athen.

Medea wusste zunächst nicht, wer er war.

Sie sah nur einen jungen Mann, der sich der Stadt näherte und auf dem Weg einen Wegelagerer nach dem anderen besiegte.

Die Menschen begannen bereits über ihn zu sprechen.

Medea beobachtete Ägäus.

Etwas beunruhigte ihn.

Dann verstand sie.

Aithra.

Troizen.

Der Stein.

Das Schwert.

Die Sandalen.

Der Sohn, von dem Ägäus nie gewusst hatte, ob es ihn überhaupt gab.

Medea begriff schneller als Ägäus, wer der Fremde wahrscheinlich war.

Und sie begriff noch etwas.

Wenn Theseus tatsächlich Ägäus’ Sohn war, brauchte Ägäus sie nicht mehr.

Da war plötzlich der Erbe, den Medea ihm niemals hatte geben können.

Ein junger Held.

Stark.

Beliebt.

Von den Athenern bewundert.

Fast wie Herakles.

Alles, was Ägäus sich gewünscht hatte.

Und Medea wusste, was geschehen würde, wenn Vater und Sohn einander erkannten.

Vielleicht würde Ägäus diesen jungen Mann ansehen und ihn sofort lieben.

Einfach so.

Ohne dass Theseus ihm einen Thron verschafft hatte.

Ohne Tränke.

Ohne Zauber.

Ohne Opfer.

Nur weil er sein Sohn war.

Medea ertrug diesen Gedanken nicht.

Also griff sie auf die Kunst zurück, die sie schon lange vor Athen beherrscht hatte.

Gift.

Sie überzeugte Ägäus davon, dass der Fremde gefährlich sei. Vielleicht ein Werkzeug des Pallas. Vielleicht ein Mann, der selbst nach der Herrschaft griff.

Ägäus ließ sich überzeugen.

Beim Essen sollte Theseus einen vergifteten Becher erhalten.

Medea sah ihm gegenüber.

Sie hatte das Gift vorbereitet.

Sie wartete.

Theseus griff nach dem Becher.

Und dann sah Ägäus das Schwert.

Sein Schwert.

Das Schwert, das er vor vielen Jahren in Troizen unter einen Stein gelegt hatte.

Plötzlich verstand er.

Er schlug Theseus den vergifteten Becher aus der Hand.

„Mein Sohn!“

Medea sah Ägäus’ Gesicht.

Und da war er.

Der Ausdruck, auf den sie all die Jahre gewartet hatte.

Unbedingte Freude.

Liebe.

Nicht für sie.

Für Theseus.

Medea hatte ihre Antwort.

Ägäus hatte sie nie so geliebt.

Und jetzt wusste er auch, was sie seinem Sohn hatte antun wollen.

Es gab nichts mehr zu retten.

Medea floh aus Athen.

Sie verlor Ägäus.

Sie verlor ihren Platz als Königin.

Sie verlor die Stadt, deren König sie selbst geschaffen hatte.

Und die Macht, die sie für Ägäus angehäuft hatte, blieb zurück.

Bei ihm.

Medea hatte wieder alles für einen Mann getan.

Und wieder ging sie allein.

Hinter ihr umarmte Ägäus den Sohn, von dem er geglaubt hatte, ihn durch seine eigene Dummheit für immer verloren zu haben.

Und Theseus war endlich in Athen angekommen.