Der König von Athen

Ägäus liebte die Geschichten von Herakles.

Schon als Junge hatte er sie immer wieder hören wollen. Herakles zweifelte nicht lange. Wenn ein Löwe Menschen fraß, tötete er den Löwen. Wenn ein Ungeheuer den Weg versperrte, räumte er es aus dem Weg. Selbst wenn eine Aufgabe unmöglich erschien, fand Herakles einen Weg.

Ägäus wäre gern ein solcher Mann gewesen.

Aber Ägäus war kein Herakles.

Nachdem die Söhne Pandions ihre Gegner besiegt und Athen zurückgewonnen hatten, gehörte Ägäus zwar zu den Siegern. Doch innerhalb der eigenen Familie begann der nächste Kampf.

Sein Verwandter Pallas war klug, ehrgeizig und gefährlich. Und Pallas hatte fünfzig Söhne.

Ägäus hatte oft das Gefühl, dass Pallas schon drei Züge weitergedacht hatte, während er selbst noch überlegte, was gerade geschehen war. Wenn Land verteilt wurde, bekam Pallas mehr. Wenn Adlige sich entscheiden mussten, auf wessen Seite sie standen, fand Pallas die richtigen Worte. Wenn Ägäus glaubte, einen Vorteil errungen zu haben, stellte er wenig später fest, dass Pallas längst darauf vorbereitet gewesen war.

Ägäus verlor nicht alles.

Aber er zog erstaunlich oft den Kürzeren.

Und manchmal fragte er sich, ob Pallas irgendwann beschließen würde, dass er überhaupt keinen Ägäus mehr brauchte.

Das Schlimmste aber war: Ägäus hatte keinen Sohn.

Pallas hatte fünfzig.

Also tat Ägäus, was man tat, wenn Menschen keine Antwort mehr wussten.

Er ging nach Delphi.

Dort fragte er Apollon, wie er einen Sohn bekommen könne.

Die Antwort des Orakels war rätselhaft:

Er solle den hervorragenden Fuß des Weinschlauches nicht lösen, bevor er die Höhe Athens erreicht habe.

Ägäus verstand kein Wort.

Auf dem Rückweg grübelte er darüber nach.

Was für ein Weinschlauch? Was soll dessen Fuß sein? Warum soll ich ihn nicht lösen? Und was hat das alles mit einem Sohn zu tun?

Je länger er darüber nachdachte, desto ärgerlicher wurde er.

Herakles hätte wenigstens eine Hydra bekommen.

Ägäus bekam einen Weinschlauch.

Auf dieser Reise begegnete er Medea.

Er kannte ihre Geschichte. Fast jeder kannte sie.

Die fremde Königstochter. Die Zauberkundige. Die Frau, die für Jason ihre Heimat verlassen hatte.

Ägäus war sofort beeindruckt.

Medea sprach anders als die meisten Menschen, die er kannte. Wenn Ägäus ihr von einem Problem erzählte, fragte sie nicht zuerst, wie er sich dabei fühlte.

Sie fragte:

„Wer gewinnt dadurch?“

Oder:

„Warum lässt du ihn das tun?“

Oder einfach:

„Was willst du?“

Ägäus erzählte ihr von Athen.

Allerdings erzählte er die Geschichte ein wenig größer, als sie war.

Von Pallas sprach er weniger.

Von seinen Niederlagen gar nicht.

Stattdessen erzählte er von seiner Familie, von Athen, von der Akropolis und davon, was ihm dort zustand.

Medea hörte amüsiert zu.

„Dann bist du also ein mächtiger Mann in Athen?“

Ägäus hätte jetzt die Wahrheit sagen können.

Stattdessen richtete er sich etwas auf.

„Sagen wir, es wäre unklug, sich dort mit mir anzulegen.“

Medea lächelte.

Das gefiel Ägäus.

Also legte er noch etwas nach.

„Falls du jemals nach Athen kommst und Schutz brauchst, komm zu mir. Unter meinem Schutz wird dir dort niemand etwas tun.“

Medea betrachtete ihn einen Augenblick.

„Das ist ein großes Versprechen.“

„Ich kann es halten.“

In diesem Augenblick glaubte Ägäus das sogar.

Dann trennten sich ihre Wege.

Ägäus zog weiter nach Troizen.

Dort lebte Pittheus, der für seine Klugheit bekannt war.

Ägäus erzählte ihm den Orakelspruch.

Pittheus verstand ihn.

Der Weinschlauch war kein Weinschlauch.

Apollon hatte Ägäus davor gewarnt, mit einer Frau zu schlafen, bevor er nach Athen zurückgekehrt war.

Ägäus hätte jetzt vorsichtig sein können.

Stattdessen wurde an diesem Abend getrunken.

Viel.

Pittheus’ Tochter Aithra war dort.

Und Ägäus verbrachte die Nacht mit ihr.

Am nächsten Morgen erinnerte er sich an den Orakelspruch.

Nun, da er ihn verstanden hatte.

Zu spät.

Ägäus war entsetzt über sich selbst.

Zuerst war er zu dumm gewesen, das Orakel zu verstehen.

Dann hatte Pittheus ihm praktisch erklärt, worum es ging.

Und trotzdem hatte er genau das getan, wovor Apollon ihn gewarnt hatte.

Er wusste nicht einmal, ob Aithra schwanger geworden war.

Ägäus tat deshalb etwas, das ihm in diesem Augenblick vernünftig erschien.

Er legte sein Schwert und seine Sandalen unter einen schweren Felsen.

Falls Aithra einen Sohn bekam und dieser eines Tages stark genug war, den Stein anzuheben, sollte sie ihm die Gegenstände zeigen. Dann konnte der Junge nach Athen kommen.

Damit war für Ägäus das Problem gelöst.

Zumindest redete er sich das ein.

Was Aithra während der nächsten Jahre tun sollte, wie sie ein Kind allein großziehen sollte, was sie ihm über seinen Vater erzählen sollte und was geschehen sollte, wenn Pallas von diesem möglichen Erben erfuhr – all das überließ Ägäus Aithra.

Von Poseidon und dessen Rolle in jener Nacht wusste Ägäus nichts.

Er reiste zurück.

Und je länger die Reise dauerte, desto weniger genial erschien ihm seine Lösung mit dem Stein.

Vielleicht war Aithra gar nicht schwanger.

Vielleicht bekam sie eine Tochter.

Vielleicht würde ein Sohn niemals stark genug werden.

Vielleicht würde er nie erfahren, wer sein Vater war.

Vielleicht hatte Ägäus durch seine eigene Dummheit genau die Gelegenheit zerstört, die Apollon ihm hatte geben wollen.

Vielleicht hätte eines seiner Kinder einmal König von Athen werden können.

Und vielleicht hatte Ägäus diese Zukunft in einer einzigen Nacht verspielt.

In dieser Stimmung begegnete er Medea wieder.

Diesmal prahlte Ägäus nicht.

Medea bemerkte es sofort.

„Was ist aus dem mächtigen Mann aus Athen geworden?“

Ägäus setzte sich.

„Der hat herausgefunden, dass er ein Idiot ist.“

Medea musste lachen.

Ägäus nicht.

Also erzählte er ihr alles.

Von Delphi.

Vom Weinschlauch.

Von Pittheus.

Von Aithra.

Vom Rausch.

Vom Stein.

Von Pallas und seinen fünfzig Söhnen.

Und schließlich sagte er:

„Herakles hätte so etwas nicht geschafft.“

„Was?“

„Alles so gründlich falsch zu machen.“

Medea sah ihn lange an.

„Du möchtest unbedingt Herakles sein.“

„Wer möchte das nicht?“

„Ich.“

Das überraschte ihn.

Medea rückte näher.

„Herakles ist stark. Das ist sehr nützlich, wenn vor dir ein Löwe steht. Dein Problem ist aber kein Löwe.“

„Mein Problem ist Pallas.“

„Nein.“

Ägäus sah sie fragend an.

„Dein Problem“, sagte Medea, „ist, dass Pallas weiß, was er will. Und du nicht.“

Das tat weh.

Vielleicht gerade deshalb, weil Ägäus wusste, dass sie recht hatte.

„Und was soll ich deiner Meinung nach wollen?“

Medea antwortete sofort.

„Athen.“

Ägäus lachte unsicher.

Medea nicht.

Da sah Ägäus sie plötzlich mit anderen Augen an.

Nicht wie Aithra.

Nicht wie seine früheren Frauen.

Und auch nicht wie eine Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte.

Er sah jemanden, der Dinge konnte, die er selbst nicht konnte.

Medea war klüger als er. Entschlossener. Sie erkannte Schwächen bei Menschen, die Ägäus überhaupt nicht bemerkte. Wo er zögerte, entschied sie.

Ägäus fand sie beeindruckend.

Und, auch wenn er sich das selbst nicht so eingestand:

nützlich.

Vielleicht war genau so eine Frau die richtige für einen Mann wie ihn.

Medea hingegen sah etwas anderes.

Sie sah einen Mann, der ihr zuhörte.

Einen Mann, der ihre Klugheit nicht fürchtete.

Noch nicht.

Und sie verliebte sich in ihn.

Als Medea später plötzlich wirklich in Athen erschien, erinnerte sie Ägäus an sein Versprechen.

„Du hast gesagt, ich stünde hier unter deinem Schutz.“

Ägäus wurde blass.

Damals hatte er geprahlt.

Jetzt musste er die Wahrheit sagen.

„Ich kann dich verstecken. In meinem Haus bist du sicher. Ich werde dich nicht ausliefern.“

„Dann gib mir Asyl.“

Ägäus schwieg.

„Du kannst es nicht.“

„Nein.“

Medea verstand.

Pallas.

Die anderen Adligen.

Die unsichere Stellung des Ägäus.

Der Mann, der ihr Schutz in Athen versprochen hatte, beherrschte Athen selbst nicht wirklich.

Ägäus wartete darauf, dass sie ihn auslachte.

Stattdessen fragte Medea:

„Willst du König sein?“

Ägäus sah sie an.

„Natürlich.“

„Dann werde König.“

Ägäus lächelte traurig.

„Du kennst Pallas nicht.“

„Nein“, sagte Medea.

„Aber ich werde ihn kennenlernen.“

Und damit begann sich Athen zu verändern.

Medea fand heraus, wem Pallas vertraute. Welche seiner Söhne miteinander stritten. Welche Familien ihn unterstützten und weshalb. Wer Geld brauchte. Wer Land wollte. Wer Angst hatte.

Manche Gegner des Ägäus wechselten plötzlich die Seite.

Andere verloren ihren Einfluss.

Andere verließen Athen.

Und manchmal wollte Ägäus lieber nicht genau wissen, wie Medea etwas erreicht hatte.

„Was hast du getan?“, fragte er einmal.

Medea sah ihn an.

„Willst du es wirklich wissen?“

Ägäus schwieg.

Dann sagte er:

„Nein.“

Pallas verlor Stück für Stück seine Macht.

Ägäus gewann sie.

Und schließlich war Ägäus tatsächlich König von Athen.

Medea wurde seine Königin.

Ägäus bewunderte sie.

Er brauchte sie.

Er war ihr dankbar.

Vielleicht redete er sich manchmal sogar ein, dass das Liebe sein müsse.

Für Medea gab es daran keinen Zweifel.

Sie liebte Ägäus.

Und weit entfernt von Athen lag noch immer ein Schwert unter einem Stein.

Daneben ein Paar Sandalen.

Ägäus dachte kaum noch daran.

Aber Aithra hatte es nicht vergessen.

Und der Junge, der eines Tages den Stein anheben würde, wuchs bereits heran.