Ariadne und Dionysos

Als Theseus mit Ariadne und den geretteten Athener Jugendlichen Kreta verlassen hatte, erreichten sie auf ihrer Reise Naxos.

Endlich waren sie in Sicherheit.

Noch wenige Tage zuvor hatten die jungen Athener geglaubt, im Labyrinth zu sterben. Nun standen sie gemeinsam am Strand, der Minotauros war tot und Kreta lag hinter ihnen.

Am Abend wollten sie feiern.

Theseus begann einen Tanz, den die Jugendlichen schon auf Delos – wohin sie der Überlieferung nach anschließend weiterfuhren – zu Ehren Apollons aufführen sollten. In unserer Geschichte können sie ihn auf Naxos bereits zum ersten Mal tanzen.

Sie stellten sich hintereinander auf und bewegten sich in langen, verschlungenen Reihen.

Nach links.

Nach rechts.

Eine Reihe wand sich um die andere, kehrte um und fand schließlich wieder hinaus.

Sie tanzten das Labyrinth.

Ariadne erkannte sofort, was sie darstellten.

Theseus spielte mit seinen Bewegungen den Weg nach, den sie dank ihres Fadens gefunden hatten. Die anderen folgten ihm, so wie sie ihm durch die dunklen Gänge gefolgt waren.

Doch diesmal gab es keine Angst.

Sie lachten, sangen und tanzten.

Ariadne tanzte mit ihnen.

Vielleicht war es das erste Mal seit langer Zeit, dass sie glaubte, wirklich alles richtig gemacht zu haben.

Sie hatte Theseus gerettet.

Sie hatte die Athener Jugendlichen gerettet.

Und nun würde sie mit ihm nach Athen fahren.

Was keiner von ihnen wusste:

Auf Naxos befand sich noch jemand, dem Musik, Tanz und ausgelassene Feste sehr viel bedeuteten.

Dionysos.

Und in dieser Nacht sollte der Gott des Weines auf Theseus und Ariadne aufmerksam werden.

gAls Ariadne auf Naxos erwachte, war Theseus fort.

Zuerst glaubte sie, sein Schiff müsse irgendwo hinter den Felsen liegen. Vielleicht waren die Athener nur hinausgefahren, um etwas zu holen.

Dann lief sie zum Strand.

Draußen auf dem Meer sah sie ein Segel.

Es wurde kleiner.

Theseus fuhr nach Athen. Ohne sie.

Ariadne verstand es nicht. Sie hatte ihren Vater Minos verraten, Theseus den Faden gegeben und ihm geholfen, aus dem Labyrinth zu entkommen. Sie hatte ihre Heimat Kreta verlassen, weil sie geglaubt hatte, mit ihm ein neues Leben beginnen zu können.

Und nun hatte er sie auf einer Insel zurückgelassen.

Was Ariadne nicht wusste: In der Nacht hatte Dionysos seine Hand im Spiel gehabt.

Der Gott hatte Theseus’ Wahrnehmung vernebelt. Gedanken und Träume waren durcheinandergeraten. Vielleicht hatte Theseus geglaubt, er müsse Naxos verlassen. Vielleicht erschien ihm die Trennung plötzlich unausweichlich.

Aber Dionysos hatte ihm nicht die Entscheidung abgenommen.

Theseus wusste, welche Macht Wein und Rausch haben konnten. Er wusste, dass sein Denken nicht klar war. Und trotzdem ging er an Bord.

Er hätte warten können.

Er hätte wenigstens überprüfen können, ob das, was ihm in der Nacht so zwingend erschien, bei Tageslicht noch richtig war.

Das tat er nicht.

Dionysos hatte den Nebel geschaffen. Theseus hatte die Entscheidung getroffen, darin loszufahren.

Ariadne wusste von alldem nichts.

Für sie gab es nur das immer kleiner werdende Schiff.

Sie blieb am Strand.

Sie war wütend.

Dann traurig.

Dann wieder wütend.

Vor allem aber wusste sie nicht, wohin sie nun gehörte.

Nach Kreta konnte sie kaum zurück. Dort war sie die Tochter, die Theseus geholfen hatte, den Minotauros zu töten.

Nach Athen konnte sie nicht.

Und Theseus war fort.

Am Abend hörte sie Musik.

Zuerst nur ganz leise.

Flöten.

Dann Trommeln.

Stimmen.

Ariadne kannte Geschichten über den Gott, dem solche Feste gehörten.

Dionysos.

Der Gott des Weines.

Das war ungefähr alles, was sie über ihn zu wissen glaubte.

Bald erschienen Fackeln zwischen den Bäumen. Männer und Frauen kamen tanzend den Hang hinunter. Manche trugen Efeu. Es wurde gesungen und gelacht.

Und zwischen ihnen ging Dionysos.

Ariadne war wenig beeindruckt.

Ausgerechnet jetzt brauchte sie wirklich keinen Gott, der ihr einen Becher Wein anbot.

Doch Dionysos tat das auch nicht.

Er setzte sich zu ihr.

Ariadne wartete darauf, dass er etwas sagte.

Er schwieg.

Schließlich fragte sie:

„Bist du nicht der Gott des Weines?“

Dionysos lächelte.

„Unter anderem.“

Das war eine merkwürdige Antwort.

Der Gott, den Ariadne nicht kannte

In den folgenden Tagen blieb Ariadne bei seinem Gefolge.

Zunächst hielt sie Abstand.

Dann bemerkte sie, dass der Wein nur ein Teil dieser seltsamen Welt war.

Dionysos war auch der Gott des Festes.

Menschen kamen zusammen, die sonst niemals miteinander gefeiert hätten.

Er war der Gott der Musik.

Wenn die Flöten spielten und die Trommeln ihren Rhythmus vorgaben, veränderten sich die Menschen.

Und er war der Gott des Tanzes.

Eines Abends forderte niemand Ariadne auf mitzutanzen.

Das war vielleicht der Grund, weshalb sie es schließlich tat.

Erst vorsichtig.

Dann immer ausgelassener.

Für einige Augenblicke dachte sie nicht an Kreta.

Nicht an das Labyrinth.

Nicht an Theseus.

Am nächsten Morgen war all das natürlich wieder da.

Ariadne hatte nichts vergessen.

Und genau das überraschte sie.

Sie hatte immer geglaubt, Dionysos’ Rausch bedeute vor allem, etwas nicht mehr zu spüren.

Langsam begriff sie:

Es konnte auch bedeuten, für einen Moment aus der Rolle herauszutreten, in die das Leben einen gezwungen hatte.

Ariadne musste für diesen Abend nicht die Tochter des Minos sein.

Nicht die Schwester des Minotauros.

Nicht die Frau, die Theseus verlassen hatte.

Sie konnte einfach Ariadne sein.

Dann kamen die Masken

Eines Abends sah Ariadne Menschen mit Masken.

Einer setzte eine auf – und plötzlich sprach und bewegte er sich wie ein alter König.

Ein anderer wurde zu einem jungen Krieger.

Die Menschen um sie herum lachten, erschraken und weinten über Geschichten, von denen alle wussten, dass sie nur gespielt waren.

Ariadne sah Dionysos an.

„Das gehört auch zu dir?“

Wieder dieses Lächeln.

„Auch das.“

Ariadne begann zu verstehen.

Dionysos war nicht bloß der Gott, der den Menschen Wein gab.

Er herrschte über jene Augenblicke, in denen ein Mensch für kurze Zeit jemand anderes sein durfte.

Wein konnte Grenzen lockern.

Musik konnte Menschen gemeinsam bewegen.

Tanz konnte einen aus dem Alltag herausholen.

Eine Maske konnte einen Menschen in einen anderen verwandeln.

Und aus solchen Festen, Chören, Tänzen und Maskenspielen sollte sich in Griechenland schließlich etwas entwickeln, das Jahrtausende überleben würde:

gDionysos wartet

Dionysos verliebte sich in Ariadne.

Aber er verlangte keine Entscheidung von ihr.

Das war für Ariadne neu.

Ihr Vater hatte über ihre Zukunft bestimmt.

Für Theseus hatte sie ihre Familie verlassen.

Jetzt war da ein Mann – sogar ein Gott –, der offenbar nichts von ihr benötigte.

Dionysos brauchte keinen Faden.

Er brauchte sie nicht, um ein Monster zu besiegen.

Er brauchte sie nicht, um aus einem Labyrinth herauszukommen.

Er wollte mit ihr zusammen sein.

Und er wartete darauf, dass Ariadne dasselbe wollte.

Mit der Zeit merkte Ariadne, dass sie sich auf die Abende freute.

Auf die Musik.

Auf die Geschichten.

Und auf Dionysos.

Nicht weil er sie Theseus vergessen ließ.

Das konnte er nicht.

Sondern weil Ariadne langsam entdeckte, dass ihr Leben nach Theseus weiterging.

Schließlich traf sie eine Entscheidung, die diesmal niemand für sie getroffen hatte.

Ariadne heiratete Dionysos.

Zur Hochzeit schenkte er ihr eine prächtige Krone. Ariadne und Dionysos bekamen Kinder. Ariadne wurde älter.

Viele Jahre vergingen.

Ariadne und Dionysos lebten zusammen, bekamen Kinder und erlebten viele Feste und Reisen. Doch irgendwann bemerkte Ariadne etwas, das sich nicht ändern ließ.

Sie wurde älter. Dionysos nicht.

Zuerst waren es nur einzelne graue Haare. Später erschienen Falten in ihrem Gesicht.

Ariadne störte das nicht besonders. Sie war schließlich ein Mensch. Menschen wurden älter.

Dionysos aber begann darüber nachzudenken.

Er erinnerte sich an die junge Frau, die er einst auf Naxos kennengelernt hatte. Damals hatte Ariadne geglaubt, mit Theseus auch ihre ganze Zukunft verloren zu haben.

Dionysos hatte ihr gezeigt, dass ein Leben neu beginnen konnte.

Nun begriff er, dass ihre gemeinsame Zeit trotzdem ein Ende haben würde.

Dionysos war ein Gott. Ariadne war sterblich.

Eines Tages würde Ariadne sterben.

Er würde weiterleben.

Und diesmal konnte kein Wein, kein Tanz und kein Fest etwas daran ändern.

Also machte sich Dionysos auf den Weg zum Olymp.

Dort suchte er seinen Vater Zeus auf.

„Ich möchte dich um etwas bitten“, sagte Dionysos.

Zeus hörte ihm zu.

„Ariadne ist meine Frau. Aber jeden Tag wird sie ein wenig älter, während ich derselbe bleibe. Irgendwann werde ich sie verlieren.“

Zeus antwortete:

„Ariadne wurde als Mensch geboren. Sterblichkeit gehört zum Leben der Menschen.“

Das wusste Dionysos.

„Dann mach sie zu mehr als einem Menschen.“

Zeus sah seinen Sohn an.

Dionysos verlangte nicht, dass alle Menschen dem Tod entkommen sollten.

Er bat nur um Ariadne.

„Ich habe sie nicht geheiratet, weil ich etwas von ihr brauchte“, sagte Dionysos. „Ich brauche keinen Faden von ihr. Sie muss kein Monster für mich besiegen und niemanden für mich verraten. Ich habe sie geheiratet, weil ich mein Leben mit ihr verbringen will.“

Und für einen unsterblichen Gott bedeutete ein gemeinsames Leben etwas anderes als für einen Menschen.

Es bedeutete:

für immer.

Zeus erfüllte schließlich den Wunsch seines Sohnes.

Er schenkte Ariadne etwas, das selbst ihr Vater Minos ihr niemals hätte geben können und das auch Theseus ihr niemals hätte geben können:

Unsterblichkeit und ewige Jugend.

Ariadne würde nicht sterben.

Sie würde nicht weiter altern.

Aus der sterblichen Prinzessin von Kreta wurde die unsterbliche Gemahlin des Dionysos.

Viele Jahre später würden die Athener am Hang ihrer Akropolis ein großes Heiligtum und Theater für Dionysos errichten: das Theater des Dionysos.

Dort würden Menschen Masken aufsetzen.

Sie würden für einige Stunden Könige, Helden und verzweifelte Frauen sein.

Und sie würden Geschichten aufführen, in denen Menschen Fehler machten, litten, liebten und sich veränderten.

Genau das also, was Ariadne bei Dionysos gelernt hatte:

Man kann seine Vergangenheit nicht ungeschehen machen.

Aber sie muss nicht bestimmen, wer man für immer bleibt.