Die Schlacht von Marathon

Pheidippides stand in Sparta und wusste nicht, wie er den Athenern diese Nachricht überbringen sollte.

Er war fast 240 Kilometer gelaufen, weil Athen dringend Hilfe brauchte. Ein riesiges persisches Heer war bei Marathon gelandet. Die Athener hatten ihn nach Sparta geschickt, um Unterstützung zu holen.

Sie wollten helfen.

Aber nicht sofort.

Pheidippides dachte an Athen.

An die Familien, die dort warteten.

An die Männer, die bei Marathon einem viel größeren persischen Heer gegenüberstanden.

Und jetzt musste ausgerechnet er zurücklaufen und ihnen sagen:

Ihr müsst zunächst ohne die Spartaner kämpfen.

Also machte er sich wieder auf den Weg.

Der Rückweg war lang.

Seine Beine schmerzten. Er hatte kaum geschlafen.

Seit Stunden hörte er fast nur noch seine eigenen Schritte.

Dann kam etwas dazu.

Eine Flöte.

Die Melodie war hell und verspielt. Mehrere unterschiedlich hohe Töne folgten aufeinander.

Eine Syrinx – eine Panflöte.

Das war seltsam.

Hier draußen lebten Hirten. Aber Pheidippides hatte seit Stunden keinen Menschen gesehen.

Er lief weiter.

Die Musik kam näher.

Dann hörte sie plötzlich auf.

Neben ihm knackte ein Zweig.

Pheidippides drehte den Kopf – und erschrak.

Neben ihm lief jemand.

Oder besser:

Er hüpfte.

Zwei behaarte Ziegenbeine sprangen beinahe mühelos von Fels zu Fels. Darüber saß der Oberkörper eines Mannes. Lockiges Haar, Bart – und zwei Hörner.

Pheidippides wusste sofort, wer das war.

Pan.

Der Gott der Hirten, Herden und wilden Berge.

Pan sprang auf einen Felsen, wartete, bis Pheidippides ihn eingeholt hatte, und hüpfte wieder neben ihm her.

Pheidippides rang nach Luft.

Pan überhaupt nicht.

„Du bist ziemlich langsam“, sagte der Gott.

Pheidippides sah ihn ungläubig an.

„Ich bin gerade von Athen nach Sparta gelaufen.“

Pan überlegte kurz.

„Dann bist du eigentlich ziemlich schnell.“

Und hüpfte weiter.

„Ihr Athener“, sagte Pan. „Warum beachtet ihr mich eigentlich so wenig?“

Pheidippides wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

„Ihr habt Tempel für Athena. Poseidon. Hephaistos. Dionysos.“

Pan deutete mit seiner Flöte auf die Berge um sie herum.

„Dabei brauche ich gar keinen großen Tempel.“

Er sprang auf einen Felsen.

„Mir genügt eine Höhle.“

„Dabei bin ich euch doch wohl gesonnen. Und ich habe euch früher auch schon geholfen und könnte euch wieder helfen.“ . „Du würdest Athen helfen. Wie?“

Pan grinst.

Dann stößt er plötzlich einen furchtbaren Schrei aus.

Vögel fliegen aus den Bäumen.

Ziegen rennen davon.

Selbst Pheidippides macht unwillkürlich einen Satz zur Seite.

Pan lacht.

„So.“

Pan konnte durch seinen Schrei eine plötzliche, unerklärliche Angst über Menschen bringen – besonders über ganze Gruppen.

Panikon deima – panischer Schrecken.

Unsere Panik.

Dann setzt Pan die Flöte wieder an.

Dieselbe fröhliche Melodie wie vorher.

Er springt den nächsten Hang hinauf.

Pheidippides versucht noch einige Schritte mitzuhalten.

Keine Chance.

Zwischen zwei Felsen verschwindet Pan.

Nur die Flöte hört Pheidippides noch eine Weile.

Dann ist wieder alles still.

Und Pheidippides läuft weiter aber er wusste nicht, was er davon halten sollte.

Aber zum ersten Mal auf seinem Rückweg hatte er etwas anderes zu überbringen als eine schlechte Nachricht.

Vielleicht waren die Athener doch nicht allein.

Als Pheidippides zurückkehrte, konnte er keine spartanische Armee mitbringen.

Aber er erzählte von Pan.

Dann kam die Schlacht.

Die Athener griffen an.

Und tatsächlich geschah etwas, das sie später mit Pan verbanden.

Unter ihren Gegnern breitete sich plötzlich Angst aus.

Die persischen Reihen gerieten durcheinander.

Panik.

Die Athener glaubten, Pan habe sein Versprechen gehalten.

Doch einige Männer erzählten nach der Schlacht noch etwas Unglaublicheres.

Mitten im Kampf hätten sie einen Krieger gesehen, den niemand kannte.

Er habe auf ihrer Seite gegen die Perser gekämpft.

Und manche glaubten zu wissen, wer es gewesen war:

Theseus.

Der große König Athens.

Seit Jahrhunderten tot.

Der Held, der einst gegen den Minotauros gekämpft und Athen beschützt hatte, war – so glaubten sie – noch einmal zurückgekehrt, als seine Stadt ihn brauchte.

Dann flohen die Perser.

Athen hatte die Schlacht von Marathon gewonnen. Die Soldaten jubelten. Die Offiziere atmeten auf.

Pheidippides hätte sich hinlegen können.

Er war bereits nach Sparta und zurück gelaufen.

Sein Körper brauchte eine Pause.

Doch jetzt blickte er auf die persischen Schiffe.

Und begriff:

Es war noch nicht vorbei.

Die Perser stiegen auf ihre Schiffe.

Ihre Flotte konnte um die Küste Attikas herumsegeln.

Nach Athen.

Dort warteten die Familien der Soldaten.

Frauen.

Kinder.

Alte Menschen.

Sie wussten nicht, was in Marathon geschehen war.

Und Pheidippides stellte sich vor, was sie sahen:

Am Horizont erscheinen persische Schiffe.

Aber das athenische Heer ist nirgends zu sehen.

Was sollten sie glauben?

Dass Marathon verloren war.

Dass ihre Männer tot waren.

Dass die Perser nun kamen, um eine ungeschützte Stadt einzunehmen.

Vielleicht würde Pan diesmal seine Macht nicht gegen die Perser richten.

Vielleicht würde die Panik Athen selbst erfassen.

Das durfte nicht geschehen.

Jemand musste vor den persischen Schiffen dort sein.

Jemand musste den Menschen sagen:

Unser Heer lebt.

Wir haben gewonnen.

Gebt die Stadt nicht auf.

Diesmal machte er keine Pause.

Er lief.

Marathon lag ungefähr vierzig Kilometer von Athen entfernt.

Pheidippides lief so schnell, wie sein erschöpfter Körper ihn noch tragen konnte.

Seine Beine schmerzten.

Sein Mund war trocken.

Aber er dachte an die Menschen in Athen.

Sie dürfen nicht glauben, dass wir tot sind.

Sie dürfen die Stadt nicht aufgeben.

Sie müssen wissen, dass wir kommen.

Irgendwann sah er die Akropolis.

Menschen bemerkten den Läufer.

Sie kamen ihm entgegen.

Pheidippides brachte noch die Worte heraus, für die er den ganzen Weg gelaufen war:

„Wir haben gesiegt!“

Die Nachricht verbreitete sich.

Das Heer war nicht vernichtet.

Athen sollte nicht aufgeben.

Die Soldaten würden zurückkommen.

Dann, so erzählte man später, versagte Pheidippides’ Körper.

Er brach zusammen.

Und starb.

Als die persische Flotte erschien und die Perser sahen, dass die Athener zur Verteidigung bereitstanden, zogen sie ab.

Athen war gerettet.

Und die Athener vergaßen auch Pan nicht.

Sie richteten ihm am Nordhang der Akropolis eine Höhle als Heiligtum ein.

So kämpften in der Erinnerung der Athener bei Marathon drei verschiedene Arten von Verteidigern für ihre Stadt:

die lebenden Soldaten,
der Gott Pan
und der tote Held Theseus.

Und aus der Geschichte vom letzten Lauf nach Athen entstand viele Jahrhunderte später die Idee für einen Wettkampf.

Den Marathonlauf.