Theseus auf dem Weg nach Athen

Als Theseus noch ein Kind war, kam Herakles nach Troizen.

Für einen Jungen, der mit Geschichten über Helden aufgewachsen war, hätte ebenso gut Zeus persönlich erscheinen können.

Herakles war riesig.

Zumindest kam er Theseus riesig vor.

Er trug sein Löwenfell, und als er sich zu den Erwachsenen setzte, legte er es achtlos zur Seite. Die anderen Kinder hielten das Fell für einen echten Löwen und liefen schreiend davon.

Theseus blieb.

Er wusste zwar auch nicht genau, ob der Löwe lebte.

Aber wenn Herakles daneben saß, würde er wohl kaum Kinder fressen.

Herakles lachte darüber.

Später geschah etwas noch Besseres.

Herakles’ Schwert fiel in einen tiefen Brunnen.

Die Erwachsenen diskutierten bereits darüber, wie man es wieder herausbekommen könne. Theseus kletterte einfach hinunter.

Es war schwieriger, als er erwartet hatte. Das Schwert war schwer. Der Rückweg mit nur einer freien Hand noch schwerer.

Aber schließlich tauchte Theseus wieder oben auf und hielt Herakles das Schwert hin.

Herakles betrachtete erst sein Schwert.

Dann den Jungen.

„Wie heißt du?“

„Theseus.“

Herakles nahm sein Schwert entgegen und wandte sich an die Erwachsenen.

„Merkt euch den Namen. Aus dem Jungen wird einmal etwas Großes.“

Theseus hörte jedes Wort.

Und plötzlich glaubte er seiner Mutter.

Aithra hatte ihm schon oft gesagt, dass er eines Tages ein großer Mann werden würde.

Manchmal sagte sie sogar:

„Vielleicht ein großer König.“

Natürlich wollte Theseus dann wissen, wo.

Darauf bekam er nie eine vernünftige Antwort.

„Das erfährst du später.“

„Wann später?“

„Wenn du alt genug bist.“

„Wann bin ich alt genug?“

„Später.“

Theseus hasste dieses Wort.

Nach Herakles’ Besuch störte es ihn weniger.

Wenn Herakles selbst erkannt hatte, dass etwas Großes aus ihm werden würde, musste seine Mutter offenbar tatsächlich etwas wissen.

Also begann Theseus sich vorzubereiten.

Dabei beobachtete er besonders seinen Großvater Pittheus.

Pittheus war König von Troizen und galt als kluger Mann.

Theseus stellte bald fest, dass Klugheit erstaunlich wenig damit zu tun hatte, immer der Stärkste zu sein.

Pittheus achtete beispielsweise sehr darauf, wer eine Geschichte erzählte.

Wenn zwei Männer einen Streit hatten, war es erstaunlich vorteilhaft, als Erster bei Pittheus zu erscheinen.

Der Erste erzählte nämlich:

„Dieser Mann hat mich ohne Grund geschlagen.“

Der Zweite musste anschließend erklären:

„Ja, ich habe ihn geschlagen, aber …“

Theseus merkte sich das.

Pittheus achtete außerdem darauf, dass gute Entscheidungen gesehen wurden.

Wenn er einem armen Bauern half, hätte er das heimlich tun können.

Tat er aber erstaunlich selten.

Theseus verstand irgendwann weshalb.

Eine gute Tat löste ein Problem.

Eine gute Tat, von der hundert Menschen erfuhren, löste ein Problem und sorgte dafür, dass hundert Menschen Pittheus für einen guten König hielten.

Theseus fand das brillant.

Heute hätte man es vielleicht gute PR genannt.

Und noch etwas lernte er.

Pittheus war hervorragend im Moral Flexing.

Er sagte selten einfach:

„Ich will das nicht.“

Er sagte:

„Das wäre eines Königs unwürdig.“

Und schon ging es nicht mehr darum, was Pittheus wollte. Es ging darum, was ein guter König tun musste.

Theseus begann solche Sätze ebenfalls zu benutzen.

Aithra bemerkte es.

„Du wirst deinem Großvater immer ähnlicher.“

Theseus nahm das als Kompliment.

Sie war sich nicht sicher, ob es eines war.

Aithra kümmerte sich unterdessen um einen anderen Teil seiner Ausbildung.

Kraft.

Theseus lief, rang, kletterte und schleppte Dinge.

Und hin und wieder führte seine Mutter ihn zu einem bestimmten großen Stein.

„Heb ihn hoch.“

Theseus versuchte es.

Nichts.

Einige Monate später wieder.

Nichts.

„Warum eigentlich immer dieser Stein?“

„Weil du ihn noch nicht heben kannst.“

Das war eine Antwort, die Theseus akzeptierte.

Jahre vergingen.

Aus dem Kind wurde ein kräftiger junger Mann.

Eines Tages ging er wieder zu dem Stein.

Er stemmte sich dagegen.

Der Stein bewegte sich.

Nur ein wenig.

Theseus setzte noch einmal an.

Diesmal hob er ihn.

Darunter lagen Sandalen und ein Schwert.

Theseus starrte seine Mutter an.

Aithra wusste, dass „später“ nun vorbei war.

Sie erzählte ihm von Ägäus.

Vom Mann aus Athen, der einst nach Troizen gekommen war.

Von der gemeinsamen Nacht.

Von seinem Abschied.

Von dem Schwert und den Sandalen, die er unter dem Stein zurückgelassen hatte.

Und davon, was Ägäus angeordnet hatte:

Wenn sein Sohn eines Tages stark genug sei, den Stein anzuheben, sollte er diese Dinge nehmen und nach Athen kommen.

„Mein Vater ist König von Athen?“

„Ägäus ist König von Athen.“

Theseus brauchte einen Moment.

Dann grinste er.

Aithra kannte dieses Grinsen.

„Nein.“

„Ich habe noch gar nichts gesagt.“

„Du hast genau dieses Gesicht.“

Theseus nahm das Schwert.

Sein Vater war König.

Und noch besser:

Ägäus verehrte Herakles.

Das wusste Aithra ebenfalls.

Theseus hätte sich kaum einen besseren Vater vorstellen können.

Es gab zwei Wege nach Athen.

Den vernünftigen Weg nahm man über das Meer.

Der Landweg führte dagegen über den Isthmus von Korinth und gehörte zu den gefährlichsten Straßen Griechenlands.

Aithra wollte, dass Theseus das Schiff nahm.

Theseus wollte den Landweg.

Natürlich dachte er an Herakles.

Wenn er einfach mit einem Schiff in Athen ankam, war er ein unbekannter junger Mann mit einem alten Schwert und einer Geschichte über seine Mutter.

Wenn er aber unterwegs Griechenlands berüchtigte Wegelagerer beseitigte?

Dann würde sein Vater von ihm hören, bevor er überhaupt Athen erreichte.

Vielleicht würde Ägäus stolz auf ihn sein.

Vielleicht würde er in ihm etwas von Herakles erkennen.

Und die Athener?

Die würden einen jungen Mann kennenlernen, der ihre Straßen sicher gemacht hatte.

Theseus hatte bei Pittheus gelernt:

Es reichte nicht, etwas Großes zu sein.

Die Menschen mussten davon erfahren.

Also nahm er den Landweg.

Der erste berüchtigte Mann, dem er begegnete, hieß Periphetes.

Periphetes trug eine gewaltige Keule.

Er war körperlich auffällig und bewegte sich nicht wie andere Männer. Menschen verspotteten ihn deshalb. Mit seiner Keule hatte er sich irgendwann Respekt verschafft.

Leider hatte er festgestellt, dass Angst noch zuverlässiger war als Respekt.

Reisende fürchteten ihn.

Theseus stellte ihn.

Es kam zum Kampf.

Theseus gewann.

Und dann erschlug er Periphetes mit dessen eigener Keule.

Das fühlte sich richtig an.

Fast genau wie eine Geschichte über Herakles.

Theseus nahm die Keule mit.

Ein gutes Symbol.

Wenn Menschen ihn damit sahen und fragten, woher er sie hatte, konnte er die Geschichte erzählen.

Pittheus wäre zufrieden gewesen.

Dann kam Sinis.

Sinis hatte eine merkwürdige Leidenschaft für Kiefern.

Er bog junge Bäume herunter und zwang Reisende, sie festzuhalten.

Manchmal ließ er einen Baum plötzlich los.

Manchmal band er Menschen zwischen zwei heruntergebogene Bäume.

Theseus konnte nicht recht verstehen, weshalb jemand Jahre seines Lebens damit verbrachte, eine immer kompliziertere Methode zu entwickeln, Fremde mithilfe von Kiefern zu töten.

Sinis wirkte auf ihn weniger wie ein großer Bösewicht als wie ein Mann, dessen Denken irgendwann in einer sehr dunklen Sackgasse gelandet war.

Aber Reisende starben durch ihn.

Theseus besiegte ihn.

Dann betrachtete er die Kiefern.

Er hätte Sinis einfach töten können.

Stattdessen dachte er:

Was würde Herakles tun?

Und:

Welche Geschichte würden die Menschen weitererzählen?

Also tötete er Sinis mit dessen eigener Methode.

Es war gerecht.

Jedenfalls erzählte Theseus es sich so.

Beim nächsten Gegner entstand bereits ein Muster.

Skiron saß an einem gefährlichen Küstenweg.

Er zwang Reisende, ihm die Füße zu waschen.

Das war an sich nur sonderbar.

Das Problem war, was danach geschah.

Während die Menschen vor ihm knieten, trat er sie über die Klippe.

Theseus beobachtete ihn eine Weile.

Skiron bestand auf bestimmten Abläufen. Die Reisenden sollten an einer bestimmten Stelle stehen. Das Wasser sollte bereitstehen. Alles musste so geschehen, wie Skiron es verlangte.

Und am Ende starb jemand.

Theseus fragte sich zum ersten Mal ernsthaft:

Was stimmt mit diesem Mann eigentlich nicht?

Dann stellte Skiron sich auch ihm in den Weg.

Theseus besiegte ihn.

Und stieß ihn über dieselbe Klippe, über die Skiron seine Opfer gestoßen hatte.

Wieder diese perfekte Gerechtigkeit.

Jeder bekam genau das, was er anderen angetan hatte.

Theseus gefiel dieses Prinzip.

Es war leicht zu verstehen.

Es ergab gute Geschichten.

Und niemand konnte behaupten, die Strafe sei willkürlich gewesen.

Dann begegnete er Kerkyon.

Kerkyon wollte ringen.

Immer.

Mit jedem.

Reisende durften seinen Weg nur passieren, wenn sie gegen ihn antraten.

Kerkyon war außergewöhnlich stark und hatte aus seinem ganzen Leben einen einzigen Wettbewerb gemacht.

Gewinnen bedeutete für ihn alles.

Verlieren konnte er nicht ertragen.

Das Problem war, dass seine Gegner einen verlorenen Ringkampf häufig nicht überlebten.

Theseus hätte versuchen können, an ihm vorbeizukommen.

Aber natürlich tat er das nicht.

Er rang mit ihm.

Diesmal war Theseus der Bessere.

Kerkyon starb.

Theseus ging weiter.

Doch etwas störte ihn.

Periphetes hatte Reisende erschlagen.

Sinis hatte sie absichtlich getötet.

Skiron ebenfalls.

Aber Kerkyon?

Auch er hatte Menschen getötet. Natürlich.

Trotzdem dachte Theseus länger über ihn nach als über die anderen.

Vielleicht weil er selbst verstand, wie es war, unbedingt beweisen zu wollen, dass man der Stärkere war.

Der letzte Mann hieß Prokrustes.

Er war Gastwirt.

Sein Haus wirkte zunächst beinahe einladend.

Prokrustes bot Reisenden ein Bett an.

Das Problem war das Bett.

Prokrustes war davon überzeugt, dass jeder Gast genau hineinpassen musste.

War ein Mensch zu klein, streckte er ihn.

War er zu groß, schnitt er ab, was überstand.

Theseus hielt das zunächst für eine Geschichte, mit der Reisende einander erschreckten.

Dann sah er das Bett.

Und er sah Prokrustes.

Der Gastwirt erklärte ihm mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit, weshalb alles seine Ordnung haben müsse.

Das Bett hatte die richtige Größe.

Also musste der Mensch angepasst werden.

Nicht das Bett.

Prokrustes schien nicht einmal zu verstehen, weshalb Theseus das entsetzlich fand.

Und plötzlich empfand Theseus etwas, das er bei Periphetes nicht empfunden hatte.

Mitleid.

Dieser Mann war gefährlich.

Ohne Zweifel.

Man konnte ihn nicht einfach weiter Reisende in sein Haus locken lassen.

Aber während Prokrustes über die richtige Länge eines Menschen sprach, fragte sich Theseus:

Ist dieser Mann böse?

Oder war in seinem Kopf etwas so anders, so zwanghaft und verschoben, dass er überhaupt nicht mehr begriff, was er anderen Menschen antat?

Theseus wusste es nicht.

Er wusste nur, wie er solche Geschichten bisher beendet hatte.

Er überwältigte Prokrustes.

Dann legte er ihn auf sein eigenes Bett.

Prokrustes passte nicht.

Theseus sorgte dafür, dass er passte.

Danach stand Theseus lange neben dem Bett.

Bei Sinis hatte ihm die Umkehrung noch genial erschienen.

Bei Skiron gerecht.

Bei Prokrustes fühlte sie sich plötzlich anders an.

Er hatte einen gefährlichen Mann aufgehalten.

Reisende würden wegen Prokrustes nicht mehr sterben.

Das war gut.

Aber musste Prokrustes deshalb auf genau dieselbe Weise sterben?

Theseus hatte keine Antwort.

Am Abend fand er einen Platz, von dem aus er in Richtung Attika sehen konnte.

Morgen würde er Athen erreichen.

Sein Vater war dort.

Ägäus.

Der König von Athen.

Ein Mann, der Herakles genauso bewunderte wie er selbst.

Theseus stellte sich vor, wie er ihm das Schwert zeigte.

Er stellte sich vor, wie Ägäus ihn erkannte.

Und natürlich stellte er sich die Athener vor.

Inzwischen mussten Geschichten über ihn längst vor ihm herreisen.

Periphetes.

Sinis.

Skiron.

Kerkyon.

Prokrustes.

Theseus, der die gefährliche Straße nach Athen sicher gemacht hatte.

Theseus, der jeden Verbrecher mit dessen eigener Strafe bestraft hatte.

Eine großartige Geschichte.

Fast eine Geschichte wie über Herakles.

Theseus legte sich hin.

Morgen würde er seinen Vater kennenlernen.

Eigentlich hätte er glücklich sein müssen.

Doch bevor er einschlief, dachte er noch einmal an Prokrustes.

Dann an Kerkyon.

Dann an seine Mutter.

Sie hatte ihn jahrelang Steine heben lassen, bis er endlich stark genug gewesen war, das Schwert seines Vaters zu bekommen.

Ägäus hatte die Gegenstände unter dem Stein versteckt.

Wenn der Junge stark genug ist, soll er nach Athen kommen.

Theseus hatte diese Prüfung bestanden.

Aber plötzlich kam ihm eine Frage, die er seiner Mutter nie gestellt hatte.

Warum eigentlich?

Warum hatte sein Vater unbedingt wissen wollen, ob sein Sohn einen schweren Stein heben konnte?

Was hatte Stärke damit zu tun, ein guter Sohn zu sein?

Oder ein guter König?

Theseus dachte an Herakles.

Dann an Prokrustes.

Morgen würde er Ägäus fragen.