Theseus kämpft gegen den Minotaurus
Als Theseus nach Athen zurückkehrte, hatte sich die Nachricht längst vor ihm verbreitet.
Theseus war da.
Der junge Mann, der den gefährlichen Landweg nach Athen genommen hatte. Der Periphetes, Sinis, Skiron und all die anderen Wegelagerer besiegt hatte, vor denen Reisende seit Jahren Angst gehabt hatten.
Menschen liefen ihm entgegen. Händler verließen ihre Stände. Kinder drängten sich nach vorn. Als Theseus schließlich durch die Straßen hinauf zur Akropolis zog, jubelten ihm die Athener zu.
„Theseus! Theseus!“
Sein Vater Ägäus, der König von Athen, erwartete ihn.
Als er seinen Sohn sah, war er einfach nur froh. Lange hatte er nicht gewusst, ob Theseus Athen überhaupt lebend erreichen würde. Nun stand er vor ihm, und die ganze Stadt feierte ihn.
Ägäus umarmte ihn.
„Wenn ich dich so sehe“, sagte er lachend, „könnte man glauben, Herakles selbst sei nach Athen gekommen.“
Theseus konnte sich kaum ein größeres Lob vorstellen.
Während die Athener noch seinen Sieg feierten, ging Theseus jedoch zu einem Heiligtum der Aphrodite.
Er wollte sich reinigen lassen.
Als sich das herumsprach, waren die Athener verwirrt.
„Reinigen? Wovon?“
„Von den Menschen, die ich auf dem Weg hierher getötet habe.“
„Aber das waren Mörder!“
„Ja“, sagte Theseus. „Und trotzdem waren es Menschen.“
Jemand rief: „Sie hätten dich doch ebenfalls getötet!“
„Dann hätte ich mich verteidigen dürfen. Aber einige von ihnen habe ich besiegt und anschließend mit ihren eigenen Strafen getötet. Wer hat mich zum Richter gemacht?“
Darauf wusste niemand eine Antwort.
Theseus dachte an den Areopag, den felsigen Hügel unterhalb der Akropolis. Die Athener erzählten, dass dort schon die Götter über Schuld und Strafe gestritten hatten.
Vielleicht, dachte Theseus, sollte eine Stadt anders funktionieren als eine Heldensage.
Vielleicht brauchte sie Gerichte.
Einige Zeit später hörte Theseus von einem gewaltigen weißen Stier, der auf den Feldern Attikas wütete.
Er zertrampelte Getreide, durchbrach Zäune und vertrieb Bauern von ihren Feldern.
Theseus ging zu seinem Vater.
„Warum lässt du diesen Stier einfach dort draußen wüten?“
Ägäus seufzte.
„Weil die Geschichte dieses Stieres komplizierter ist, als du glaubst.“
„Es ist ein Stier.“
„Es ist der Stier des Minos von Kreta.“
Theseus wartete.
Ägäus erzählte ihm, was geschehen war.
„Herakles sollte ihn einst als eine seiner Heldentaten fangen. Also fuhr er nach Kreta und nahm Minos den Stier weg. Danach brachte er ihn hierher. Irgendwann kam das Tier frei. Und seitdem haben wir das Problem.“
Theseus musste lächeln.
„Dann hat Herakles uns eine seiner Heldentaten hinterlassen.“
„So könnte man es ausdrücken.“
„Dann beende ich sie.“
Ägäus sah seinen Sohn an.
„Wie?“
„Ich töte den Stier.“
Ägäus schwieg einen Moment.
„Und was sagt Minos dazu?“
„Minos? Der Stier verwüstet unsere Felder.“
„Trotzdem gehörte er ihm.“
Theseus zuckte mit den Schultern.
„Herakles hat ihn doch schon geraubt.“
„Eben.“
Ägäus ging ein paar Schritte.
„Ich weiß selbst nicht, was wir mit dem Tier tun sollten. Vielleicht töten. Vielleicht fangen. Vielleicht Minos benachrichtigen. Vielleicht gibt es noch eine Möglichkeit, an die ich gar nicht gedacht habe.“
„Ich werde ihn töten.“
„Theseus.“
Der junge Held blieb stehen.
Ägäus sah ihn ernst an.
„Ich habe dich vorhin mit Herakles verglichen. Und ich meinte das als Lob.“
Theseus grinste.
„Das habe ich auch so verstanden.“
„Aber vielleicht sollten wir nicht mehr jedes Problem so lösen wie Herakles.“
Das Grinsen verschwand.
„Was soll das heißen?“
„Dass du nicht alles selbst wissen musst. Ein König hat Menschen um sich, die Dinge wissen, die er nicht weiß. Bauern kennen diesen Stier. Priester kennen seine Geschichte. Gesandte wissen vielleicht, wie Minos reagieren wird. Andere kennen sich mit Tieren aus.“
Theseus wurde ungeduldig.
„Während wir alle diese Leute befragen, verwüstet der Stier weiter die Felder.“
„Vielleicht“, sagte Ägäus. „Aber Mut und Stärke sind nicht immer dasselbe wie eine gute Entscheidung.“
Das wollte Theseus nicht hören.
Vor wenigen Tagen hatte ganz Athen ihn noch wie einen neuen Herakles gefeiert.
Und jetzt stand tatsächlich eine Aufgabe vor ihm, die eines Herakles würdig war.
Also zog Theseus los.
Er fand den weißen Stier, kämpfte mit ihm und tötete ihn.
Anschließend brachte er ihn nach Athen und opferte ihn Apollon.
Die Bauern jubelten.
Theseus hatte Athen erneut gerettet.
Zumindest glaubte er das.
Denn weit südlich, jenseits des Meeres, erfuhr König Minos auf Kreta, was geschehen war.
Der weiße Stier war für ihn kein gewöhnliches Tier gewesen. Herakles hatte ihn Minos genommen. Nun hatte ausgerechnet der Sohn des Königs von Athen das Tier getötet und einem anderen Gott geopfert.
Minos war außer sich vor Zorn.
Und Minos hatte einen mächtigen Verwandten.
Sein Vater war Zeus.
Nicht lange danach wurden in Athen die ersten Menschen krank.
Dann immer mehr.
Fieber breitete sich aus. Häuser, in denen am Morgen noch gearbeitet und gelacht worden war, waren am Abend still. Bald sprach die ganze Stadt von der Pest.
Diesmal erinnerte sich Theseus an das Gespräch mit seinem Vater.
Ein König hat Menschen um sich, die Dinge wissen, die er nicht weiß.
Also ließ er die Ärzte Athens kommen.
Sie untersuchten die Kranken. Sie fragten, wo sie wohnten und was sie gegessen hatten. Sie betrachteten Brunnen und Wasserstellen. Sie verglichen Stadtviertel miteinander. Sie suchten nach verdorbenen Lebensmitteln und danach, ob Menschen sich gegenseitig ansteckten.
Theseus hörte ihnen diesmal zu.
Doch nichts passte.
Die Krankheit folgte keinem Muster, das sie erklären konnten.
Schließlich kamen die Priester zu einem anderen Ergebnis.
Die Pest kam von Zeus.
Minos hatte seinen göttlichen Vater um Vergeltung gebeten.
Theseus dachte an den weißen Stier.
Sein Vater hatte ihn gewarnt.
Und gegen Zeus half nun weder Mut noch Stärke noch ein Schwert.
Theseus musste mit Minos verhandeln.
Minos stellte eine entsetzliche Forderung.
Athen sollte ihm regelmäßig vierzehn junge Menschen schicken.
Sieben Jungen und sieben Mädchen.
Sie sollten nach Kreta gebracht werden und dort dem Minotaurus übergeben werden.
Theseus wusste, was das bedeutete.
Aber während die Pest Athen heimsuchte, hatte er keine Möglichkeit, Minos zu zwingen.
Also stimmte er zu.
Unter einer Bedingung.
Als die Namen der vierzehn jungen Athener bestimmt wurden, stand schließlich auch ein fünfzehnter Name auf der Liste:
Theseus.
Vor der Abfahrt ging Ägäus mit seinem Sohn hinunter zum Meer.
Die jungen Athener bestiegen das Schiff mit schwarzen Segeln.
Ägäus nahm Theseus beiseite.
„Du musst mir etwas versprechen.“
„Ich komme zurück.“
„Das ist kein Versprechen, das du vollständig in der Hand hast.“
Ägäus zeigte auf das Segel.
„Wenn du den Minotaurus besiegst und lebend zurückkehrst, dann setzt auf der Heimfahrt ein weißes Segel. Ich werde auf das Meer hinausschauen. Dann weiß ich schon aus der Ferne, dass du lebst.“
Theseus versprach es.
Das Schiff verließ Attika.
Hinter ihnen verschwanden die Küsten. Weit im Süden lag Kreta.
Und schließlich erschien die Insel am Horizont.
Kreta war anders als Athen.
Minos herrschte über eine reiche Seemacht. Schiffe kamen und gingen, Händler brachten Waren aus fernen Ländern, und bei Knossos erhob sich der gewaltige Palast des Königs.
Dort sah Theseus zum ersten Mal Ariadne, die Tochter des Minos.
Und Ariadne sah Theseus.
Vielleicht hätte alles einfacher sein können, wenn sie einander gleichgültig gewesen wären.
Das waren sie aber nicht.
Sie verliebten sich.
Ariadne wusste, was ihr Vater mit den Athenern vorhatte. Und sie wusste, dass Theseus entschlossen war, den Minotaurus zu töten.
„Du glaubst, dein Problem ist der Kampf“, sagte sie zu ihm.
„Ist er das nicht?“
„Nein.“
Theseus sah sie an.
„Angenommen, du gewinnst. Was machst du danach?“
„Ich komme wieder heraus.“
„Wie?“
Theseus schwieg.
Ariadne kannte Knossos. Sie kannte die Wege, die Menschen, die Wachen und den Hafen.
Und sie dachte weiter als Theseus.
„Du musst nicht nur hineinkommen“, sagte sie. „Du musst wieder hinausfinden. Dann müssen wir die anderen Athener holen. Dann müssen wir zum Schiff. Und selbst wenn wir ablegen, wird mein Vater seine Schiffe hinter uns herschicken.“
„Dann brauchen wir einen Plan.“
Ariadne lächelte.
„Genau.“
Sie besorgte ein Knäuel Wolle.
Das eine Ende sollte am Eingang befestigt werden. Theseus würde den Faden beim Gehen abwickeln. Wenn er zurückwollte, musste er nur dem Faden folgen.
Ein einfaches Stück Wolle konnte etwas, was selbst die Kraft des größten Helden nicht vermochte:
den Weg zeigen.
Theseus nahm den Faden.
Dann ging er hinein.
Was dort geschah, erzählte Theseus später nur selten.
Aber er kam zurück.
Und der Minotaurus war tot.
Ariadnes Faden führte ihn wieder hinaus.
Nun begann der zweite Teil ihres Plans.
Die jungen Athener wurden zusammengebracht. Sie liefen zum Hafen und gingen an Bord.
Doch Ariadne lief nicht sofort mit ihnen.
Sie hatte noch etwas zu erledigen.
Im Hafen lagen die Schiffe ihres Vaters.
Wenn Minos bemerkte, was geschehen war, würden sie die Flüchtenden verfolgen.
Ariadne ließ Minos’ Schiffe in Brand setzen.
Flammen griffen von einem Schiff auf das nächste über.
Als die Männer des Minos zum Hafen liefen, konnte das athenische Schiff bereits aufs offene Meer hinausfahren.
Ariadne stand neben Theseus.
Hinter ihr brannte die Flotte ihres Vaters.
Vor ihr lag ein Land, das sie noch nie gesehen hatte.
Sie hatte Kreta verlassen.
Doch auf dem Meer wartete ein anderer Gott.
Dionysos, der Gott des Weines und des Rausches, sah Ariadne.
Und auch er verliebte sich in sie.
Dionysos konnte Menschen Freude schenken. Feste, Tanz, Musik und Wein gehörten zu ihm.
Aber die Griechen wussten auch, dass der Rausch eine dunkle Seite hatte.
Ein berauschter Mensch konnte vergessen, was ihm wichtig war.
Er konnte Versprechen vergessen.
Und manchmal waren es nicht nur die Berauschten selbst, die darunter litten.
Oft litten ihre Familien am meisten.
Dionysos verwirrte Theseus.
Seine Gedanken wurden undeutlich. Erinnerungen glitten ihm davon.
Und schließlich vergaß er Ariadne.
Das Schiff fuhr ohne sie weiter.
Doch Dionysos’ Verwirrung hatte Theseus noch etwas anderes vergessen lassen.
Etwas, das ein alter Mann in Attika jeden Tag erwartete.
Das weiße Segel.
Ägäus wartete.
Immer wieder blickte er von der Küste hinaus auf die Ägäis.
Dann erschien am Horizont ein Schiff.
Sein Schiff.
Ägäus suchte nach dem Segel.
Es war schwarz.
In diesem Augenblick glaubte Ägäus zu verstehen.
Sein Sohn war tot.
Der alte König verlor jede Hoffnung und stürzte sich ins Meer.
Seitdem, so erzählten die Griechen, trägt dieses Meer seinen Namen:
das Ägäische Meer.
Als Theseus endlich Attika erreichte, wartete dort kein jubelnder Vater auf ihn.
Erst jetzt begriff er, was er vergessen hatte.
Er hatte den Minotaurus besiegt.
Er hatte die jungen Athener lebend nach Hause gebracht.
Und trotzdem hatte er verloren.
Theseus wurde König von Athen.
Vielleicht erinnerte er sich nun wieder an die Worte seines Vaters:
Die Zeit des Herakles ist vorbei.
Ein König kann nicht jedes Problem mit Mut und Stärke lösen.
Er braucht Menschen, die mehr wissen als er.
Wenn Theseus von der Akropolis hinunter auf seine Stadt blickte, konnte er den Areopag sehen. Weiter unten lag das Gebiet, in dem später die Agora entstehen sollte. Und nicht weit davon erhob sich der Hügel, den spätere Athener Pnyx nennen würden.
Dort würden eines Tages nicht Könige allein über Athen entscheiden.
Dort würden Bürger zusammenkommen, reden, widersprechen und abstimmen.
Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg.
Und Theseus hatte gerade erst begonnen zu verstehen, warum eine Stadt mehr brauchte als einen Helden.König.]