Der demokratischen König
Theseus war König von Athen. Doch Attika bestand aus vielen Gemeinden. Jede hatte ihre eigenen Anführer, ihre eigenen Versammlungen und ihre eigenen Regeln.Theseus wollte daraus ein gemeinsames Land machen, mit Athen als Mittelpunkt.Er zog deshalb durch Attika und sprach mit den Menschen.„Gebt eure getrennten Regierungen auf“, forderte er sie auf. „Wir wollen von nun an gemeinsam über unser Land entscheiden.“Doch viele waren misstrauisch.„Warum sollten wir unsere eigenen Versammlungen aufgeben?“, fragten sie. „Damit am Ende du allein über uns alle herrschst?“Theseus verstand ihren Einwand.„Wenn ihr etwas aufgebt, werde auch ich etwas aufgeben. Ihr gebt eure getrennten Regierungen auf – und ich gebe einen Teil meiner Macht auf.“Er versprach, nicht wie ein unumschränkter König zu herrschen. Er würde weiterhin das Heer führen und über die Einhaltung der Gesetze wachen. Über wichtige Angelegenheiten sollten aber die Athener gemeinsam entscheiden.Die Gemeinden stimmten zu.Theseus ließ im ganzen Land verkünden:„Kommt herbei, alle Völker!“Von nun an gehörten sie zu einer gemeinsamen Stadt: Athen.—Wenn es etwas Wichtiges zu entscheiden gab, versammelten sich die Athener auf einem felsigen Hügel gegenüber der Akropolis.Dort konnten viele Menschen stehen und einem Redner zuhören.Später wurde dieser Ort Pnyx genannt. Man baute den Versammlungsplatz immer weiter aus. Die Bürger Athens trafen sich dort regelmäßig, hielten Reden und stimmten über die Angelegenheiten ihrer Stadt ab.Doch die Athener erzählten sich, dass die Idee, gemeinsam zu entscheiden, schon auf Theseus zurückging.—Eines Tages kamen fremde Frauen nach Athen.Sie kamen aus Argos. Ihre Söhne waren in einem Krieg gegen Theben gefallen. Doch die Thebaner weigerten sich, die Toten herauszugeben und bestatten zu lassen.Die Frauen baten Theseus um Hilfe.„Ihre Söhne haben diesen Krieg begonnen“, sagte Theseus zunächst. „Warum soll Athen deshalb einen neuen Krieg führen?“Doch seine Mutter Aithra widersprach.„Es geht nicht darum, ob ihr Krieg richtig war. Auch ein gefallener Feind muss bestattet werden. Wenn die Mächtigen solche Regeln brechen dürfen, sobald es ihnen gefällt, was sind Regeln dann noch wert?“Theseus dachte darüber nach.Früher hätte er als König allein entschieden.Jetzt rief er die Athener zusammen.Die Menschen versammelten sich wieder auf dem felsigen Hügel. Von dort konnten sie die Akropolis sehen.Theseus erklärte ihnen, was geschehen war.Die Athener diskutierten. Manche wollten keinen neuen Krieg. Andere sagten, Athen müsse den Frauen helfen.Schließlich stimmten sie ab.Athen würde die Herausgabe der Toten verlangen.—Bevor das athenische Heer aufbrach, erschien ein Gesandter aus Theben.„Wo finde ich den Herrscher dieses Landes?“, fragte er. „Ich bringe ihm eine Botschaft.“Theseus antwortete:„Du hast schon mit deiner ersten Frage einen Fehler gemacht. Du suchst einen Herrscher, den es hier nicht gibt.“Der Thebaner sah ihn verwundert an.„Bist du nicht Theseus, der König von Athen?“„Das bin ich.“„Dann bist du doch der Herrscher.“Theseus schüttelte den Kopf.„Ich bin König. Aber Athen gehört nicht mir. Hier entscheidet das Volk.“Der Thebaner lachte.„Das Volk? Ein Fischer soll entscheiden, ob Krieg geführt wird? Ein Töpfer soll über Gesetze beraten? Ein Bauer über die Zukunft einer Stadt?“„Warum nicht?“, fragte Theseus. „Vielleicht versteht ein Fischer etwas, das ich nicht verstehe. Vielleicht weiß ein Bauer etwas, das einem reichen Mann unbekannt ist.“„Ein guter Herrscher“, erwiderte der Thebaner, „weiß besser als die Menge, was für alle gut ist.“Theseus sah ihn an.„Und was geschieht, wenn er kein guter Herrscher ist?“Der Gesandte schwieg.„Wenn nur ein Mann entscheidet“, fuhr Theseus fort, „wer hindert ihn daran, nur das zu tun, was ihm selbst nützt? In einer freien Stadt gelten die Gesetze für alle. Und wer eine gute Idee hat, darf sie vorbringen.“Der Thebaner ließ sich nicht überzeugen.Theseus ebenfalls nicht.Theben weigerte sich weiterhin, die Toten herauszugeben.Also führte Theseus das athenische Heer gegen Theben. Die Athener siegten und brachten die Gefallenen zurück.Die Frauen aus Argos konnten ihre Söhne endlich bestatten.—Als Theseus nach Athen zurückkehrte, konnte er von der Akropolis auf seine Stadt hinunterblicken.Unten kamen auf der Agora Händler, Handwerker und Bürger zusammen. Auf dem felsigen Hügel gegenüber hatten die Athener gemeinsam entschieden, in den Krieg zu ziehen.Theseus hatte einen Teil seiner Macht aufgegeben.Und trotzdem war Athen nicht schwächer geworden.Vielleicht hätte er damit zufrieden sein sollen.Aber Theseus war nicht nur König.Er war auch ein Held.Und Helden blieben selten lange zu Hause.—Sein engster Freund war Peirithoos. Die beiden versprachen einander, auch bei ihren gefährlichsten Abenteuern zusammenzuhalten.Schließlich beschlossen sie, dass jeder von ihnen eine Tochter des Zeus heiraten sollte.Für Theseus wählten sie Helena und entführten sie nach Attika.Dann durfte Peirithoos wählen.Seine Wahl war wahnsinnig:Persephone.Die Tochter des Zeus und Frau des Hades.Peirithoos wollte in die Unterwelt hinabsteigen und sie rauben.Theseus hätte Nein sagen können.Doch er hatte seinem Freund versprochen, ihn bei seinen Abenteuern zu begleiten.Also gingen sie gemeinsam.Sie ließen Athen und die Akropolis hinter sich und stiegen hinab in das Reich der Toten.Hades wusste längst, weshalb sie gekommen waren.Trotzdem empfing er sie freundlich.„Setzt euch“, sagte er.Theseus und Peirithoos setzten sich.Dann wollten sie wieder aufstehen.Sie konnten es nicht.Theseus stemmte sich mit aller Kraft gegen seinen Sitz.Nichts geschah.Auch Peirithoos konnte sich nicht bewegen.Hades hatte sie gefangen.Der Mann, der den Minotauros besiegt hatte, konnte sich nicht befreien.Der König, der ganz Attika vereinigt hatte, war verschwunden.Weit über ihm lag Athen.Dort versammelten sich die Menschen weiterhin, stritten miteinander und trafen Entscheidungen.Theseus hatte ihnen versprochen, dass ihre Stadt nicht vom Willen eines einzigen Mannes abhängig sein sollte.Nun musste Athen ohne Theseus weiterbestehen.