Theseus Mutter im Trojanischen Krieg

Aithra war die Tochter des weisen Königs Pittheus von Troizen. Schon als junge Frau war für sie eine glänzende Ehe vorgesehen.Sie sollte Bellerophon heiraten.Bellerophon gefiel ihr. Er war jung, vornehm und mutig, und Aithra freute sich auf die Hochzeit. Zum ersten Mal konnte sie sich vorstellen, wie ihr eigenes Leben aussehen würde.Doch dann musste Bellerophon Troizen verlassen.Die Hochzeit wurde abgesagt. Bellerophon zog hinaus in die Welt und Aithra blieb in Troizen zurück.

Einige Zeit später kam ein Gast an den Hof ihres Vaters.Ein Orakel hatte ihm einen rätselhaften Rat gegeben, den Pittheus so deutete: Aigeus sollte die Mutter seines zukünftigen Sohnes nicht in der Fremde suchen, sondern eine Athenerin.Doch Pittheus hatte einen anderen Gedanken.Wenn Aigeus einen bedeutenden Sohn bekommen würde, dann sollte seine eigene Tochter dessen Mutter sein.Pittheus brachte deshalb Aithra und Aigeus zusammen.Diesmal war Aithra nicht einfach das unwissende Werkzeug ihres Vaters. Sie verstand, was Pittheus erreichen wollte. Sie wusste, dass daraus keine große Liebesgeschichte werden würde. Aigeus würde nach Athen zurückkehren.Trotzdem entschied sie sich dafür, mit ihm zu schlafen.

Vielleicht würde daraus ein Kind entstehen.Und vielleicht würde dieses Kind eines Tages König von Athen werden.Doch anschließend konnte Aithra nicht schlafen.Denn sie kannte die alten Geschichten Athens.Sie wusste von Athena und Poseidon, die beide die Stadt für sich beansprucht hatten.Sie wusste, dass Kekrops sich für Athena entschieden hatte. Seit Generationen zog sich derselbe Konflikt durch die Geschichte Athens:Athena hatte die Stadt bekommen. Aber Poseidon war niemals wirklich aus ihr verschwunden.Aithra dachte an das Kind, das vielleicht in dieser Nacht entstanden war.Wenn es ein Sohn wurde und wenn dieser Sohn eines Tages Athen regieren sollte, würde er wieder zu Athenas Stadt gehören.Aber was würde Poseidon in ihm sehen?Noch einen König aus dem Geschlecht des Erechtheus?Noch einen Gegner?Da erinnerte sich Aithra an Sphairia.Die kleine Insel lag unmittelbar vor Troizen im Meer. Dort befand sich ein Heiligtum, und in dieser Nacht ging Aithra hinüber.Sie brachte ein Opfer dar.Und dort begegnete ihr Poseidon.Aithra fürchtete den Gott. Aber sie wusste auch, was diese Begegnung bedeuten konnte.Vielleicht gab es einen Weg, den alten Streit zu beenden.Wenn das Kind des Aigeus zugleich ein Sohn Poseidons wäre, dann wäre der nächste König Athens nicht mehr nur ein Nachkomme der alten Gegner Poseidons.Er wäre Poseidons eigenes Kind.Aithra entschied sich.Sie schlief mit Poseidon.Als sie am Morgen nach Troizen zurückkehrte, wusste sie noch nicht, ob sie tatsächlich ein Kind erwartete.Aber wenn ein Sohn geboren wurde, würde seine Herkunft außergewöhnlich sein:Aigeus würde ihm Athen geben.Poseidon würde ihm göttliche Abstammung geben.Und vielleicht würde dieser Sohn etwas schaffen, was Generationen vor ihm nicht gelungen war:Athenas Stadt regieren, ohne Poseidon zum Feind zu haben.Wenig später bemerkte Aithra, dass sie schwanger war.Sie bekam einen Sohn.Sie nannte ihn Theseus.Und tatsächlich sollte später etwas Bemerkenswertes geschehen: Theseus würde immer wieder auf Poseidon als seinen göttlichen Vater vertrauen – während er zugleich nach Athen aufbrach, um als Sohn des Aigeus seinen Platz in der alten Königsfamilie einzunehmen.In diesem Kind kamen damit zwei Seiten der alten Geschichte Athens zusammen:die Stadt Athenas und der Sohn Poseidons.

Viele Jahre waren vergangen.
Aithra war längst keine junge Königstochter mehr. Ihr Sohn Theseus war erwachsen geworden, nach Athen gegangen und selbst König geworden. Sie hatte erlebt, wie aus dem Jungen, den sie in Troizen großgezogen hatte, einer der berühmtesten Männer Griechenlands geworden war.
Doch Theseus wurde mit zunehmendem Alter auch selbstherrlicher.
Gemeinsam mit seinem Freund Peirithoos fasste er einen verhängnisvollen Entschluss: Weil beide von göttlicher Abstammung seien, sollten auch ihre Frauen Töchter des Zeus sein.
Theseus wählte Helena von Sparta.
Helena war tatsächlich eine Tochter des Zeus – aber sie war nach dieser Sagenversion noch sehr jung.
Theseus und Peirithoos entführten sie.
Als Aithra davon erfuhr, dürfte sie ihren Sohn kaum wiedererkannt haben.
Sie selbst wusste, wie es war, wenn Männer über die Zukunft einer jungen Frau entschieden. Ihr Vater Pittheus hatte ihre Ehe geplant. Ihre Verbindung mit Aigeus war Teil dynastischer Überlegungen gewesen.
Und nun tat ihr eigener Sohn etwas Ähnliches – nur sehr viel schlimmer.
Er nahm einem Mädchen die Freiheit.
Theseus bringt Helena zu seiner Mutter
Theseus konnte Helena zunächst nicht offen als seine zukünftige Frau nach Athen bringen. Deshalb brachte er sie nach Aphidna, eine befestigte Siedlung in Attika.
Dort sollte Aithra auf Helena aufpassen.
Für Aithra war das eine schreckliche Aufgabe.
Helena war keine Feindin.
Sie war ein Mädchen, das nach Hause wollte.
Aithra konnte sie trösten. Sie konnte dafür sorgen, dass sie gut behandelt wurde. Aber sie konnte ihr nicht das geben, was Helena wirklich wollte:
ihre Freiheit.
Denn gegen ihren eigenen Sohn stellte Aithra sich nicht.
Dann machte Theseus alles noch schlimmer.
Peirithoos wollte ebenfalls eine Tochter des Zeus zur Frau. Seine Wahl fiel auf Persephone, die Gemahlin des Hades.
Also stiegen die beiden Freunde in die Unterwelt hinab.
Theseus verschwand.
Und Aithra blieb mit Helena zurück.
Helenas Brüder kommen
Doch Helena hatte zwei Brüder:
Kastor und Polydeukes, die Dioskuren.
Sie suchten ihre Schwester.
Schließlich erfuhren sie, dass Helena in Aphidna festgehalten wurde.
Die Brüder kamen mit einem Heer nach Attika. Sie eroberten Aphidna und fanden Helena.
Für Helena bedeutete das die Rettung.
Für Aithra bedeutete es den Verlust ihrer Freiheit.
Die Dioskuren nahmen ihre Schwester mit zurück nach Sparta – und Aithra mussten sie ebenfalls begleiten.
Vielleicht empfand Aithra dabei eine bittere Ironie.
Theseus hatte eine fremde Tochter ihrer Familie entrissen.
Nun verlor seine eigene Mutter ihre Heimat.
Aithra in Sparta
Aithra lebte fortan bei Helena.
In den Sagen wird sie schließlich als Helenas Dienerin beschrieben.
Für Aithra begann damit ein völlig anderer Abschnitt ihres Lebens. Sie war als Königstochter geboren worden. Sie hatte einen der größten Helden Griechenlands großgezogen.
Nun war sie eine Gefangene.
Und ausgerechnet Helena, deren Entführung durch Theseus all dies ausgelöst hatte, wurde zu der Frau, deren Leben nun mit ihrem eigenen verbunden war.
Die Jahre vergingen.
Helena wurde erwachsen.
Sie heiratete Menelaos, den König von Sparta.
Dann erschien eines Tages ein trojanischer Prinz am Hof:
Paris.
Paris nahm Helena mit nach Troja.
Und Aithra musste mit ihr gehen.
Aithra sieht einen zweiten großen Krieg
Damit geschieht in Aithras Geschichte etwas Bemerkenswertes.
Als junge Frau hatte sie einen Sohn geboren, der zum größten Helden Athens wurde.
Als alte Frau geriet sie nun mitten in den größten Krieg der griechischen Sagenwelt:
den Trojanischen Krieg.
Zehn Jahre lang belagerten die Griechen Troja.
Aithra befand sich hinter den Mauern.
Theseus konnte sie nicht mehr retten. Seine eigene Geschichte war inzwischen zu Ende gegangen.
Aber Theseus hatte Söhne hinterlassen:
Demophon und Akamas.
Sie kämpften auf Seiten der Griechen vor Troja.
Als die Griechen schließlich in die Stadt eindrangen, fanden sie dort eine alte Frau.
Ihre Großmutter Aithra.
Nach all den Jahren wurde sie befreit.
Damit schließt sich ihr Lebensbogen auf eine fast grausame Weise:
Aithra hatte Theseus in die Welt geschickt.
Theseus‘ Entscheidung hatte sie ihre Freiheit gekostet.
Und schließlich waren es Theseus‘ eigene Söhne, die sie wieder nach Hause holten