Chthonias Opfer
Der letzte Kampf des Königs Erechtheus
Athen war in Gefahr.
Vom Westen rückte ein Heer aus Eleusis heran. An seiner Spitze stand ein Mann, gegen den selbst der König von Athen nicht leichtfertig kämpfen durfte:
Der Krieg gegen Eleusis rückte immer näher an Athen heran. Für König Erechtheus ging es nicht nur darum, wer nach dem Krieg König sein würde. Wenn Athen erobert wurde, konnten die Männer im Kampf getötet, Häuser geplündert und Frauen und Kinder verschleppt und versklavt werden. Auch Erechtheus’ Töchter wussten das. Deshalb fragten die Athener das Orakel, wie sie die Stadt retten könnten. Die Antwort war erschreckend: Erechtheus kehrte mit dieser Nachricht zu seiner Familie zurück. Seine Frau Praxithea hörte ihm zu. Seine Töchter hörten ihm zu. Unter ihnen war Chthonia. Ihr Name bedeutete ungefähr „die zur Erde Gehörende“. Das passte zu ihrer Familie. Die alten Könige Athens sollten aus der Erde Attikas selbst hervorgegangen sein. Doch Chthonia wollte nicht zur Erde zurückkehren. Sie wollte leben. Sie hatte Angst. Auch ihre Schwestern wollten nicht, dass sie starb. Und ihre Mutter Praxithea stand vor einer Entscheidung, vor der keine Mutter stehen sollte. Aber alle kannten die andere Möglichkeit. Für die Griechen bedeutete das nicht, dass der Tod eines Menschen den Soldaten irgendwie unmittelbar zusätzliche Kraft verlieh. Es war ein religiöser Handel: Die Menschen gaben den Göttern etwas von größtmöglichem Wert. Dafür hofften sie auf göttliche Unterstützung. Die Götter konnten schließlich darüber entscheiden, ob ein Sturm eine Flotte zerstörte, ob eine Krankheit ein Heer schwächte, ob ein Feldherr die richtige Entscheidung traf oder ob eine Schlacht gewonnen wurde. Erechtheus musste also glauben: Wenn ich das Opfer verweigere, verlieren wir vielleicht die Unterstützung der Götter – und Athen fällt. Seine Tochter Chthonia wusste ebenfalls, was auf dem Spiel stand. Und auch ihre Schwestern wussten es. Sie wollten ihre Schwester nicht verlieren. Aber sie wussten zugleich: Wenn Athen besiegt wurde, waren sie selbst, ihre Familie und Tausende andere Menschen in Gefahr. Chthonia wusste, dass das Orakel sie meinte. Sie verabschiedete sich von ihren Schwestern und von ihrer Mutter. Dann wurde sie den Göttern geopfert. Wie genau Chthonia starb, erzählen die erhaltenen antiken Quellen nicht eindeutig. Sie sagen, dass Erechtheus seine Tochter opferte, beschreiben aber keine verlässliche Hinrichtungsszene. Deshalb lassen wir diesen Augenblick auch in unserer Geschichte im Dunkeln. Als Erechtheus danach zu seinem Heer zurückkehrte, hatte er seine Tochter verloren. Er hatte Athen retten wollen – und dafür etwas geopfert, das ihm wichtiger war als sein eigenes Leben. Er war nicht mehr derselbe König, der das Orakel aufgesucht hatte. Er war traurig. Und er war wütend. Vor ihm standen die Männer Athens. Viele von ihnen waren selbst Väter. Andere hatten jüngere Geschwister, Frauen oder Eltern, die hinter den Mauern der Stadt auf sie warteten. Erechtheus sah sie an. Seine Tochter war bereits gestorben, damit ihre Kinder eine Chance hatten zu leben. Jetzt durfte ihr Tod nicht umsonst gewesen sein. Auch die Soldaten wussten, was geschehen war. Die Tochter ihres Königs war nicht irgendwo sicher geblieben, während sie ihr Leben aufs Spiel setzten. Die Königsfamilie hatte selbst den höchsten Preis bezahlt, den das Orakel verlangt hatte. Und nach ihrem Glauben bedeutete Chthonias Opfer noch etwas: Das Orakel hatte ihnen den Sieg versprochen. Sie mussten nicht mehr in die Schlacht ziehen und sich fragen, ob die Götter Athen aufgegeben hatten. Sie hatten die Forderung des Orakels erfüllt. Nun konnten sie glauben: Die Götter stehen auf unserer Seite. Wir können gewinnen. Das veränderte das Heer. Die Athener kämpften nicht nur für ihren König. Sie kämpften für die Menschen hinter ihnen. Damit keine weitere Tochter sterben musste. Damit kein Vater sein Kind verlor. Damit ihre Familien nicht verschleppt wurden. Damit Athen nicht fiel. Und Erechtheus kämpfte mit ihnen. Vielleicht dachte er während der Schlacht immer wieder an Chthonia. Vielleicht machte ihn gerade seine Trauer unerbittlich. Schließlich erreichte er den Mann, der das feindliche Heer anführte: Eumolpos. Erechtheus tötete ihn. Das Heer von Eleusis wurde geschlagen. Athen hatte gewonnen. Die Mauern standen noch. Die Familien waren sicher. Chthonias Schwestern würden nicht als Kriegsgefangene fortgeführt werden. Für Erechtheus musste dieser Sieg trotzdem bitter gewesen sein. Er konnte nach Hause zurückkehren. Chthonia nicht. Und noch wusste Erechtheus nicht, dass mit dem Tod des Eumolpos bereits die nächste Tragödie begonnen hatte. Denn Eumolpos hatte einen Vater. Poseidon. Danach konnten die Athener in die Schlacht ziehen mit der Überzeugung: Wir haben erfüllt, was das Orakel verlangt hat. Die Götter stehen nun auf unserer Seite. Und tatsächlich gewann Athen. Erechtheus besiegte Eumolpos, den Sohn Poseidons. Damit schien das Opfer seinen Zweck erfüllt zu haben: Eine Königstochter war verloren – aber die Stadt und ihre Bewohner waren gerettet. Doch genau darin liegt die Tragik der Geschichte. Denn Poseidon sah das völlig anders. Die Athener hatten ihre Tochter verloren. Poseidon hatte seinen Sohn verloren. Und nun verlangte auch er einen PreisEumolpos.
Denn Eumolpos hatte einen mächtigen Vater.
Poseidon.
Damit begann der alte Streit von Neuem. Schon einmal hatte Poseidon Athen für sich beansprucht. Damals hatte Athena ihm die Stadt mit ihrem Olivenbaum abgerungen.
Nun stand Athenas Stadt gegen Poseidons Sohn.
König Erechtheus wusste nicht, ob Athen diesen Krieg gewinnen konnte.
Also fragte er das Orakel:
„Wie kann ich meine Stadt retten?“
Die Antwort war schrecklich.
Athen könne siegen.
Aber dafür müsse Erechtheus eine seiner eigenen Töchter opfern.
Der König musste sich entscheiden:
seine Tochter – oder seine Stadt.
Erechtheus entschied sich für Athen.
Seine Tochter Chthonia starb.
Dann zog der König in die Schlacht.
Die Athener kämpften.
Schließlich standen sich die beiden Anführer gegenüber:
Eumolpos, Sohn des Poseidon.
Erechtheus, König der Stadt Athenas.
Erechtheus gewann.
Er tötete Eumolpos.
Das Heer aus Eleusis war besiegt.
Athen war gerettet.
Doch weit draußen auf dem Meer wusste Poseidon, was geschehen war.
Sein Sohn war tot.
Und ein Gott vergisst so etwas nicht.
Poseidons Rache
Poseidon wandte sich an seinen Bruder Zeus.
Erechtheus hatte seinen Sohn getötet. Dafür verlangte Poseidon Rache.
Über Athen zog ein Gewitter auf.
Erechtheus hatte gerade seine Stadt gerettet.
Er hatte seine Tochter verloren.
Er hatte seinen mächtigsten Gegner besiegt.
Und dann traf ihn Zeus’ Blitz.
Der König von Athen starb.
Poseidon hatte seinen Sohn gerächt.
Eigentlich hätte man erwarten können, dass die Athener Poseidon nun hassten.
Doch genau das geschah nicht.
Athen braucht auch seinen Feind
Die Athener verehrten Erechtheus weiterhin als einen ihrer großen alten Könige.
Aber sie verehrten auch Poseidon.
Denn Athen konnte Athena zu seiner Schutzgöttin machen – das Meer konnte es nicht abschaffen.
Fischer brauchten Poseidon für ihren Fischfang.
Seefahrer fürchteten seine Stürme.
Die Menschen fürchteten ihn als den Gott, der die Erde mit Erdbeben erschüttern konnte.
Und oben auf der Akropolis erinnerte man sich noch immer an das Salzwasser, das Poseidon beim Wettstreit mit Athena aus dem Felsen geschlagen haben sollte.
Also geschah etwas Merkwürdiges:
Der getötete König und der Gott, der seinen Tod verursacht hatte, wurden religiös immer enger miteinander verbunden.
Poseidon wurde dort schließlich als
POSEIDON ERECHTHEUS
verehrt.
Nicht einfach deshalb, weil die Athener vergessen hätten, dass die beiden Gegner gewesen waren. Vielmehr waren sehr alte Geschichten und Kulte miteinander verschmolzen.
Und noch Jahrhunderte später bauten die Athener genau dort auf der Akropolis ein außergewöhnliches Heiligtum:
das Erechtheion.
Dort trafen die alten Geschichten wieder aufeinander:
Athena, die Athen gewonnen hatte.
Poseidon, der Athen nicht bekommen hatte.
Erechtheus, der für Athen seine Familie und schließlich sein Leben verloren hatte.
Und wenn ihr heute vor dem Erechtheion steht, könnt ihr euch genau daran erinnern:
Athena gewann die Stadt.
Erechtheus rettete die Stadt.
Poseidon tötete ihren König.
Und trotzdem brauchte Athen sie am Ende alle.