Athena, Poseidon und die Entscheidung des Kekrops
Athena, Poseidon und die Entscheidung des Kekrops
Lange bevor Athen Athen hieß, lag auf einem hohen Felsen über dem Land eine kleine befestigte Siedlung. Ihr König hieß Kekrops. Er war ein ungewöhnlicher König: oben Mensch, unten Schlange. Die Athener erzählten später, er sei direkt aus der Erde Attikas hervorgegangen.
Doch die Stadt brauchte noch einen göttlichen Beschützer.
Zwei mächtige Götter wollten diese Aufgabe übernehmen: Poseidon und Athena.
Poseidon trat vor Kekrops.
Er war der Herr des Meeres. Fischer baten ihn um einen guten Fischfang. Seeleute fürchteten ihn, denn Poseidon konnte Seestürme entstehen lassen. Und wenn er zornig seinen Dreizack gegen die Erde schlug, konnte er sogar Erdbeben verursachen.
„Wählt mich“, sagte Poseidon. „Das Meer wird euch ernähren und mächtig machen.“
Dann hob er seinen Dreizack und schlug damit auf den Felsen der Akropolis.
Der Fels brach auf.
Wasser sprudelte hervor.
Kekrops probierte es.
Es war Salzwasser.
Poseidon hatte der Stadt ein kleines Stück seines Meeres auf die Akropolis gebracht.
Dann trat Athena vor.
Sie war keine Göttin gewaltiger Naturkräfte. Ihre Stärke war etwas anderes: Sie brachte den Menschen Wissen und Fertigkeiten.
Athena stieß ihre Lanze in den Boden.
Dort wuchs der erste Olivenbaum.
„Aus seinen Früchten könnt ihr Öl gewinnen“, erklärte Athena. „Ihr könnt damit kochen, eure Körper pflegen und Lampen zum Leuchten bringen.“
Doch das war nicht alles, wofür Athena stand.
Sie lehrte die Menschen die Kunst des Webens. Aus Wolle konnten sie Stoffe und Kleidung herstellen.
Sie beschützte die Handwerker, die Schiffe bauten. Mit solchen Schiffen konnten die Athener eines Tages über genau jenes Meer fahren, über das Poseidon herrschte.
Und als Athena Hippia wurde ihr auch die Erfindung von Zaumzeug und Pferdegeschirr zugeschrieben – in einer kindgerechten Kurzfassung können wir uns dafür Sattel und Zaumzeug merken. Damit konnten Menschen die Kraft der Pferde besser nutzen.
Auf der einen Seite stand Poseidon:
Erdbeben – Seestürme – Salzwasser – Fischfang.
Poseidon verkörperte die gewaltige Kraft der Natur. Die Menschen brauchten das Meer und seine Fische – aber sie konnten Poseidon niemals vollständig beherrschen.
Auf der anderen Seite stand Athena:
Öl – Weben – Schiffe – Sattel und Zaumzeug.
Athena verkörperte etwas anderes:
Wissen und Können.
Die Menschen konnten lernen, Dinge herzustellen und die Natur für sich zu nutzen.
Poseidon trat vor die Menschen und versprach ihnen seine Macht. Er war der Herr des Meeres. Besonders die Fischer hörten ihm aufmerksam zu. Viele der Männer lebten vom Meer, fuhren mit ihren Booten hinaus und wussten, wie sehr ihr Leben von ruhiger See und gutem Fang abhing.
Athena dagegen versprach den Menschen Wissen und Geschick. Sie zeigte ihnen den Olivenbaum und die Kunst des Webens. Viele der Frauen webten täglich Stoffe für ihre Familien und für den Handel. Sie sahen in Athena eine Göttin, die ihnen Fähigkeiten schenkte, mit denen sie selbst etwas schaffen konnten.
Kekrops wollte nicht allein entscheiden, welcher Gott über das Land wachen sollte.
„Dann sollen die Menschen selbst entscheiden“, sagte er.
Alle versammelten sich auf dem Felsen.
Einer nach dem anderen trat vor.
„Poseidon!“, rief ein Fischer.
„Athena!“, sagte eine Weberin.
„Poseidon!“
„Athena!“
Bald wurde deutlich, wie knapp die Entscheidung werden würde. Viele Männer entschieden sich für Poseidon, viele Frauen für Athena.
Am Ende waren die Stimmen genau geteilt.
Fast genau.
Denn es gab eine Frau mehr als Männer.
Sie trat als Letzte vor. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Poseidon wartete. Athena schwieg.
Die Frau sagte:
„Athena.“
Damit war die Entscheidung gefallen.
Athena hatte mit einer einzigen Stimme gewonnen.
Von nun an sollte die Stadt unter ihrem Schutz stehen und ihren Namen tragen: Athen.
Doch Poseidon nahm seine Niederlage nicht hin.
Zornig schlug der Gott des Meeres mit seinem Dreizack auf die Erde. Das Meer erhob sich. Wasser drang über das Land, überschwemmte Teile Attikas und zerstörte Felder und Häuser. Die Menschen begriffen, dass Poseidon seinen Zorn nicht einfach vergessen würde.
Sie berieten, wie sie ihn besänftigen könnten.
Schließlich trafen sie eine Entscheidung, die vor allem diejenigen traf, deren Stimmen Athena den Sieg gebracht hatten.
Die Frauen sollten künftig nicht mehr abstimmen dürfen.
Sie verloren ihr Stimmrecht und damit ihren Platz bei den politischen Entscheidungen der Stadt.
Athena aber blieb die Schutzgöttin Athens.
Vorsichtshalber wurden später auf der Akropolis die Erinnerungen an beide Gottheiten bewahrt.
Beim späteren Erechtheion zeigten die Athener den Ort, an dem Poseidon seinen Dreizack in den Felsen geschlagen haben sollte. Dort befand sich das geheimnisvolle Salzwasser des Poseidon.
Und gleich daneben erinnerte der heilige Olivenbaum an Athenas Geschenk.
So konnte man auf der Akropolis gewissermaßen beide Antworten auf dieselbe Frage nebeneinander sehen:
Poseidon gab den Menschen die Macht und die Gefahren der Natur.
Athena gab ihnen die Fähigkeiten, mit dieser Welt etwas anzufangen.
Damit beginnt eigentlich erst die nächste Geschichte: Denn bald darauf bekommt Athena ein höchst ungewöhnliches Kind anvertraut – Erichthonios – und ausgerechnet Kekrops’ Töchter sollen auf das geheimnisvolle Baby aufpassen.