unsinkable Sam
Mein Name ist Sam.
Na ja. Heute nennt ihr mich so.
Früher hieß ich vielleicht Oskar. Aber Menschen haben die merkwürdige Angewohnheit, Katzen Namen zu geben, als hätten wir nicht längst selbst entschieden, wer wir sind.
Meine Geschichte begann 1941 auf einem gewaltigen deutschen Schlachtschiff:
der Bismarck.
Ich mochte die Bismarck. Sie war warm. Es gab Mäuse. Und über zweitausend Menschen, von denen erstaunlich viele bereit waren, einem Kater etwas von ihrem Essen abzugeben.
Die Menschen waren außerdem sehr stolz auf ihr Schiff.
„Uns kann niemand versenken!“, sagten sie.
Menschen sagen solche Dinge oft kurz bevor etwas schiefgeht.
🌊 Mein erster Schiffbruch
Am 27. Mai wurde es laut.
Sehr laut.
Die Bismarck wurde von britischen Kriegsschiffen beschossen. Das ganze Schiff bebte. Überall Rauch, Wasser und schreiende Menschen.
Ich weiß nicht mehr, wie ich ins Meer kam.
Ich weiß nur noch:
kalt.
Sehr kalt.
Irgendwann fand ich ein Stück Holz und klammerte mich daran fest.
Die Bismarck verschwand.
Ich nicht.
Später kam ein britisches Schiff vorbei. Matrosen entdeckten mich im Wasser und zogen mich heraus.
„Wo kommt der denn her?“
Ich sah sie an.
Sie sahen mich an.
Offenbar war damit meine Aufnahme in die Royal Navy beschlossen.
Da sie meinen Namen nicht kannten, nannten sie mich Oscar.
Mir war das recht.
Sie hatten Essen.
⚓ Mein zweites Schiff
Mein neues Zuhause hieß HMS Cossack.
Ein britischer Zerstörer.
Das bedeutete, dass ich jetzt offiziell auf der anderen Seite des Krieges lebte.
Für Menschen war das offenbar eine wichtige Sache.
Für mich nicht.
Deutsche Matrosen öffnen Dosen.
Britische Matrosen öffnen Dosen.
Ich bin Katze.
Meine politischen Ansichten sind überschaubar.
Einige Monate später, im Oktober 1941, hörte ich ein Geräusch, das ich inzwischen kannte.
BOOOOM.
Ein deutsches U-Boot hatte die Cossack torpediert.
Ich betrachtete das Wasser, das ins Schiff strömte.
Nicht schon wieder.
Die Cossack ging verloren.
Viele Menschen starben.
Aber ich wurde erneut gerettet.
Jetzt begannen die Matrosen über mich zu reden.
„Das ist doch der Kater von der Bismarck!“
„Und jetzt hat er auch die Cossack überlebt!“
Und irgendwann bekam ich einen neuen Namen:
Unsinkable Sam.
Der unsinkbare Sam.
Ich fand den Namen angemessen.
🛳️ Mein drittes Schiff
Dann brachte man mich auf einen Flugzeugträger.
Die HMS Ark Royal.
Ein riesiges Schiff.
Viele warme Plätze.
Viele Menschen.
Ausgezeichnete Küche.
Allerdings erfuhr ich eine etwas beunruhigende Einzelheit:
Von genau diesem Schiff waren Flugzeuge gestartet, die bei der Versenkung meines ersten Schiffes, der Bismarck, geholfen hatten.
Menschen führen wirklich komplizierte Beziehungen miteinander.
Ich beschloss, mich nicht einzumischen.
Das war eine kluge Entscheidung.
Denn am 13. November 1941 geschah es.
BOOOOM.
Ich öffnete ein Auge.
Torpedo.
Deutsches U-Boot.
Natürlich.
Die Ark Royal begann zu sinken.
Ich kann mir ungefähr vorstellen, was die Matrosen gedacht haben, als sie mich anschließend wieder aus dem Wasser zogen.
Ich jedenfalls dachte nur:
Drei.
Drei Schiffe.
In sechs Monaten.
Bismarck – gesunken.
Cossack – gesunken.
Ark Royal – gesunken.
Ich – immer noch da.
Danach traf die Royal Navy eine der vernünftigsten Entscheidungen des gesamten Krieges:
Diese Katze kommt an Land.
Ich wurde nach Gibraltar gebracht und später nach Belfast.
Keine Schlachtschiffe mehr.
Keine Torpedos.
Keine U-Boote.
Keine Männer, die behaupteten, ihr Schiff sei unsinkbar.
Ich verbrachte noch viele Jahre an Land und starb schließlich friedlich.
Und wenn irgendwo ein Matrose behauptete:
„Dieses Schiff kann überhaupt nicht sinken“,
dann hoffe ich, dass jemand antwortete:
„In Ordnung. Aber schaut vorher nach, ob Sam an Bord ist.“ 🐈