Daidalos und der weiße Stier Leukos

Daidalos mochte schwierige Aufgaben.

Eigentlich mochte er sie sogar ein bisschen zu sehr.

Seit er auf Kreta für König Minos arbeitete, kamen ständig Menschen zu ihm und sagten:

„Daidalos, das geht nicht.“

Und fast immer antwortete er:

„Das werden wir ja sehen.“

Er war Baumeister, Künstler und Erfinder. Wenn andere Menschen vor einem Problem standen, sah Daidalos Holz, Bronze, Seile, Hebel und Möglichkeiten.

König Minos wusste das.

Deshalb arbeitete Daidalos für ihn.

Minos war der mächtigste Mann auf Kreta. Seine Schiffe beherrschten das Meer, sein Palast in Knossos war gewaltig.

Aber Minos war nicht einfach König geworden.

Als einst darüber gestritten worden war, ob ihm die Herrschaft wirklich zustand, hatte er zum Meeresgott Poseidon gebetet.

„Wenn die Götter wollen, dass ich König werde, dann lass einen Stier aus dem Meer steigen“, hatte Minos verkündet. „Ich werde ihn anschließend Poseidon opfern.“

Und tatsächlich teilten sich die Wellen.

Aus dem Meer kam ein prächtiger weißer Stier. Die Kreter nannten ihn Leukos, den Weißen.

Damit war für die Kreter klar: Die Götter standen hinter Minos.

Minos wurde König.

Und hier begann seine Schuld.

Denn der Stier war so außergewöhnlich, dass Minos ihn behalten wollte.

Also stellte er heimlich ein anderes Tier an seine Stelle und opferte dieses.

Vielleicht redete er sich ein:

Poseidon bekommt doch trotzdem einen Stier.

Aber Poseidon ließ sich nicht betrügen.

Und seine Rache war grausam.

Er sorgte dafür, dass Königin Pasiphaë auf unheimliche Weise von dem göttlichen Stier besessen wurde.

Pasiphaë wusste nicht, was sie tun sollte.

Also ging sie zu dem Mann, zu dem auf Kreta jeder ging, wenn etwas unmöglich erschien.

Zu Daidalos.

Daidalos hätte Nein sagen können.

Vielleicht hätte ein anderer Mensch sogar gesagt:

„Das ist keine Aufgabe, die gelöst werden sollte.“

Aber Daidalos hörte vor allem eines:

Ein unmögliches Problem.

Er konstruierte für Pasiphaë eine künstliche Kuh aus Holz und Tierhaut. Sie sah so täuschend echt aus, dass selbst der weiße Stier sie für ein lebendes Tier hielt.

Damit hatte Daidalos die List ermöglicht, durch die Pasiphaë mit dem Stier zusammenkam.

Und einige Zeit später brachte sie ein Kind zur Welt.

Ein Wesen mit menschlichem Körper und dem Kopf eines Stieres.

Den Minotauros.

Als Daidalos das Kind sah, begriff er, dass diesmal niemand sagen konnte:

Ich habe doch nur eine Maschine gebaut.

Ohne seine Erfindung wäre dieses Kind nicht entstanden.


Für Minos war der Minotauros nicht nur erschreckend.

Er war eine Schande.

Denn jeder, der den Minotauros sah, konnte erkennen, dass mit der königlichen Familie etwas Ungeheuerliches geschehen war.

Und noch schlimmer:

Alles erinnerte an den weißen Stier.

An genau den Stier, den Poseidon geschickt hatte, um Minos‘ Anspruch auf den Thron zu bestätigen.

Minos hatte seine Königswürde mit diesem göttlichen Zeichen begründet.

Nun lebte im eigenen Palast ein Wesen, das ihn jeden Tag daran erinnerte, dass er sein Versprechen gegenüber dem Gott gebrochen hatte.

Der Minotauros war deshalb für Minos nicht einfach ein gefährliches Wesen.

Er war ein lebendiges Zeichen seines Wortbruchs.

Niemand sollte ihn sehen.

Und wieder brauchte Minos Daidalos.

„Ich brauche ein Gefängnis“, sagte der König.

Das war einfach.

„Aber niemand soll den Gefangenen sehen können.“

Das war schwieriger.

„Und wer hineingeht, soll den Weg nach draußen nicht mehr finden.“

Jetzt begann Daidalos nachzudenken.

Gänge, die sich teilten.

Kreuzungen, die immer gleich aussahen.

Kurven, hinter denen man jede Orientierung verlor.

Wege, die scheinbar hinausführten und einen doch wieder ins Innere brachten.

Daidalos nahm seine Wachstafel.

Das Problem war faszinierend.

So entstand das Labyrinth.

Als es fertig war, betrachtete Daidalos sein Werk voller Stolz.

Dann brachte man den Minotauros hinein.

Die Türen schlossen sich.

Daidalos hatte Minos erst geholfen, das Problem entstehen zu lassen.

Jetzt hatte er ihm auch geholfen, es zu verstecken.

Aber der Minotauros musster auch gefüttert werden und zwar mit Menschenfleisch. Minos Armee überfiel Dörfer und raubte junge Menschen. Sie wurden dann in das Labyrinth gebracht.

Zum Minotauros.

Und wieder konnte Daidalos sich sagen:

Ich habe sie nicht hierhergebracht.

Ich habe niemanden getötet.

Minos ist der König.

Aber jedes Mal musste er dabei auf die Mauern seines eigenen Labyrinths schauen.


Doch Leukos, der weiße Stier, mit dem alles begann, wurde kurze Zeit später von Herkules gestohlen und nach Griechenland gebracht. Und der Stier wurde zunehmend wilder.

Schließlich gelangte dem Stier die Flucht und nun verwüstete er auf dem griechischen Festland die Gegend um Marathon und Athen. Dort begegnete ihm Jahre später ein junger Held.

Theseus.

Theseus bezwang den weißen Stier Leukos und tötete ihn schließlich als Opfer für Apollo und nicht Poseidon.

Damit verschwand das Tier, mit dem alles begonnen hatte. Aber seine Geschichte war noch nicht beendet.

Minos hörte vom Tod von Leukos, seinem weißem wunderbaren Stier und er gab Athen die Schuld.

Er verfluchte die Stadt Athen mit der Pest und als sie um Gnade flehten zwang er sie zu einer entsetzlichen Abgabe:

14 Junge Athener mussten nach Kreta geschickt werden und dem Minotaurus geopfert werden.


Aber mit den Athenern kam ausgerechnet Theseus selbst nach Kreta.

Der Mann, der den weißen Stier, Leukos, getötet hatte, wollte nun auch die letzte Folge dieser Geschichte beseitigen.

Er wollte den Minotauros töten.

Minos‘ Tochter Ariadne verliebte sich in ihn.

Doch selbst wenn Theseus den Minotauros besiegte, würde er niemals aus Daidalos‘ Labyrinth herausfinden.

Also suchte Ariadne den Erfinder auf.

„Wie kommt man wieder heraus?“

Daidalos schwieg.

Wenn er ihr half, verriet er Minos.

Wenn er ihr nicht half, würden weitere Menschen durch ein Bauwerk sterben, das er selbst geschaffen hatte.

Vielleicht dachte er an Pasiphaë.

An seine künstliche Kuh.

An den Minotauros.

An das Labyrinth.

An all die Male, in denen er eine technische Lösung gefunden hatte, ohne lange genug darüber nachzudenken, welches Problem er eigentlich lösen sollte.

Dann verriet er Ariadne das Geheimnis des Labyrinths.

Noch in derselben Nacht flohen Theseus und Ariadne.


Minos wusste, dass nur Daidalos das Geheimnis verraten haben konnte.

Er ließ den Erfinder zusammen mit dessen Sohn Ikaros einsperren.

Nun saß Daidalos selbst in der Welt fest, die er für Minos geschaffen hatte.

Die Straßen wurden bewacht.

Die Häfen wurden bewacht.

Minos beherrschte Kreta.

Und seine Flotte beherrschte das Meer.

Ikaros sah seinen Vater an.

„Dann können wir nicht fliehen?“

Daidalos blickte lange hinaus.

Dann nach oben.

„Minos beherrscht das Land“, sagte er.

Er zeigte auf das Meer.

„Und Minos beherrscht die See.“

Dann zeigte er zum Himmel.

„Aber die Luft gehört ihm nicht.“

Daidalos sammelte Federn.

Er ordnete sie nach ihrer Größe, verband sie mit Fäden und befestigte sie mit Wachs.

Zwei Paar Flügel entstanden.

Wieder hatte Daidalos etwas geschaffen, das eigentlich unmöglich war.

Bevor sie aufbrachen, hielt Daidalos Ikaros fest.

„Hör genau auf mich. Flieg nicht zu tief. Das Wasser kann die Federn schwer machen. Aber flieg auch nicht zu hoch. Die Sonne wird das Wachs erwärmen.“

Ikaros versprach es.

Dann liefen sie los.

Der Wind griff unter ihre Flügel.

Und plötzlich flogen sie.

Unter ihnen wurde Kreta kleiner.

Ikaros lachte.

Er flog höher.

„Ikaros!“

Der Junge hörte seinen Vater kaum noch.

Noch höher.

Die Inseln unter ihm sahen winzig aus.

Zum ersten Mal konnte er sich bewegen, wohin er wollte.

Sein ganzes Leben lang hatte er unter den Entscheidungen seines Vaters und des Königs Minos gestanden.

Jetzt gab es keine Mauern.

Keine Wachen.

Keinen König.

Nur Himmel.

„IKAROS!“

Daidalos sah die ersten Tropfen.

Das Wachs wurde weich.

Eine Feder löste sich.

Dann noch eine.

Ikaros schlug mit den Armen.

Doch ein Flügel zerfiel.

Dann der andere.

Daidalos sah seinen Sohn fallen.

Er konnte fliegen.

Er konnte Maschinen bauen.

Er hatte Königinnen geholfen, Könige beeindruckt und ein Gebäude geschaffen, aus dem niemand herausfand.

Aber jetzt konnte er nichts erfinden, was schnell genug gewesen wäre.

Ikaros fiel ins Meer.

Daidalos kreiste über der Stelle.

Er rief den Namen seines Sohnes.

Immer wieder.

Doch Ikaros antwortete nicht.


Daidalos erreichte schließlich allein das Land.

Er hatte Minos besiegt.

Er war Kreta entkommen.

Seine Erfindung hatte funktioniert.

Und trotzdem hatte er verloren.

Vielleicht lag darin die grausamste Strafe für Daidalos.

Nicht Zeus hatte einen Blitz nach ihm geworfen.

Nicht Poseidon hatte ihn im Meer ertränkt.

Die Strafe kam durch genau das, worauf Daidalos sein ganzes Leben vertraut hatte:

seine eigene Erfindung.

Er hatte geglaubt, dass sich jedes Problem lösen ließ, wenn man nur klug genug konstruierte.

Für Pasiphaë hatte er eine Lösung gefunden.

Für Minos hatte er eine Lösung gefunden.

Für das Labyrinth hatte er eine Lösung gefunden.

Für die Flucht hatte er eine Lösung gefunden.

Aber Klugheit allein hatte ihn nicht davor bewahrt, falsche Entscheidungen zu treffen.

Und diesmal hatte nicht irgendein Fremder den Preis dafür bezahlt.

Es war sein eigener Sohn.

Daidalos begrub Ikaros.

Und als er danach seine Flügel betrachtete, waren sie vielleicht zum ersten Mal für ihn nicht der Beweis dafür, was ein genialer Mensch alles erschaffen konnte.