Hephaistos, Athena und das geschickte Kind
Hephaistos war der große Schmied unter den griechischen Göttern. In seiner Werkstatt konnte er Dinge herstellen, die kein Mensch zustande gebracht hätte: Waffen für die Götter, wunderbare Rüstungen und Gegenstände, die sich beinahe wie von selbst bewegten.
Aber in der Liebe hatte Hephaistos wenig Glück.
Er war mit Aphrodite, der Göttin der Liebe, verheiratet. Doch Aphrodite liebte Ares, den Kriegsgott, und traf sich heimlich mit ihm. Hephaistos wurde betrogen und gedemütigt.
Da gab es unter den Göttern eine andere Göttin, die ganz anders war als Aphrodite: Athena.
Athena war klug und zuverlässig. Wie Hephaistos verstand sie etwas vom Handwerk. Er arbeitete mit Hammer, Feuer und Metall; sie verstand sich auf Weberei, Planung und die Kunst, mit Wissen und Geschick etwas zu erschaffen.
Hephaistos verliebte sich in sie.
Athena wollte jedoch keinen Mann heiraten. Sie hatte beschlossen, Parthenos, eine Jungfrau, zu bleiben. Das bedeutete für sie nicht nur, keinen Sex zu haben. Athena wollte unabhängig bleiben und keinem Ehemann gehören.
Hephaistos musste akzeptieren, dass Athena seine Liebe nicht erwiderte.
Doch sein Wunsch nach ihr blieb. Eines Tages dachte er an Athena, als sein Samen auf den Boden fiel.
Und dieser Boden war nicht einfach nur Erde.
Die Erde selbst war die Göttin Gaia.
Aus ihr wuchs etwas Lebendiges hervor.
Ein Baby.
Aber es war kein gewöhnliches Kind. Es gehörte zur Erde, aus der es gekommen war, und mit ihm erschien eine Schlange. In manchen späteren Darstellungen verschmolzen Kind und Schlange sogar miteinander, sodass Erichthonios mit einem schlangenartigen Unterkörper gezeigt wurde.
Das Kind hieß Erichthonios.
Hephaistos war sein Vater.
Gaia, die Erde, hatte es geboren.
Doch als Athena das Kind sah, entschied sie, dass sie es beschützen würde.
Erichthonios konnte schließlich nichts dafür, wie er entstanden war. Und noch etwas verband Athena mit ihm: Er war aus genau dem Land hervorgegangen, dessen Schutzgöttin sie war.
Attika. Das Land von Athen.
Athena nahm Erichthonios also unter ihren Schutz.
Aber sie wollte das geheimnisvolle Kind zunächst vor den anderen verbergen.
Sie legte Erichthonios in einen verschlossenen Korb oder eine Kiste. Dann brachte sie den Behälter auf die Akropolis, den heiligen Felsen über Athen.
Dort lebte Kekrops, der sagenhafte erste König Athens.
Kekrops hatte drei Töchter. Ihnen vertraute Athena den verschlossenen Behälter an.
Sie gab ihnen nur eine einzige Anweisung:
„Bewacht ihn. Aber öffnet ihn nicht.“
Eine Zeit lang hielten sich die Mädchen daran.
Doch sie wurden immer neugieriger.
Was konnte so geheim sein, dass selbst sie es nicht sehen durften?
Schließlich öffneten sie den Behälter.
Darin sahen sie das Baby Erichthonios – und die Schlange. Oder vielleicht sahen sie ein Kind, das selbst teilweise Schlange war. Die alten Griechen erzählten die Geschichte unterschiedlich.
Was sie sahen, versetzte sie in solchen Schrecken und Wahnsinn, dass sie von der Akropolis hinabstürzten und starben.
Athena nahm Erichthonios nun wieder zu sich und zog ihn unter ihrem Schutz auf.
Er wurde erwachsen und schließlich selbst König von Athen.
Und nun bekam die seltsame Geschichte eine viel größere Bedeutung.
Die Athener sagten damit nämlich etwas über sich selbst:
Unser König kam nicht aus einem fremden Land.
Er war aus unserer eigenen Erde geboren.
Dafür hatten die Griechen ein Wort:
autóchthōn – aus der Erde selbst hervorgegangen.
Die Athener verstanden sich als besonders eng mit dem Boden Attikas verbunden.
Und über Erichthonios waren sie gleichzeitig mit Athena verbunden.
Gaia hatte ihren Ahnherrn geboren.
Athena hatte ihn großgezogen.
Deshalb war Athena nicht die leibliche Mutter der Athener – und konnte weiterhin die jungfräuliche Göttin Athena Parthenos bleiben.
Aber sie war gewissermaßen die Beschützerin ihrer Familie und ihrer Stadt.
Und Hephaistos?
Er wurde in den Geschichten nicht zum Vater, der Erichthonios aufzog. Diese Rolle gehörte Athena. Aber auch Hephaistos verschwand keineswegs aus Athen.
Denn Athena und Hephaistos hatten etwas gemeinsam.
Beide standen für die Fähigkeit, mit Können, Wissen und Arbeit etwas zu erschaffen.
Und deshalb begegneten sich die beiden Götter in Athen wieder.
Nicht als Ehepaar.
Sondern als Beschützer des Handwerks.
Unten in der Stadt lag die Agora – das politische und wirtschaftliche Zentrum des alten Athen. Dort arbeiteten auch Handwerker und Metallarbeiter.
Und über der Agora errichteten die Athener einen großen Tempel für Hephaistos.
Den Tempel des Hephaistos kann man heute noch besuchen. Er gehört sogar zu den am besten erhaltenen griechischen Tempeln überhaupt.
Und darin wurde Hephaistos nicht allein verehrt.
Auch Athena besaß dort ein Kultbild.
Das passt wunderbar zu den beiden: Hephaistos als Meister von Feuer und Metall und Athena als Göttin des klugen, geschickten Arbeitens.
Wenn ihr also eines Tages durch Athen geht, könnt ihr die Geschichte an zwei Orten wiederfinden.
Unten auf der Agora steht noch immer der Tempel des Hephaistos. Dort kann man sich an den unglücklichen Schmiedegott erinnern, der sich in Athena verliebte und zum Vater des geheimnisvollen Erichthonios wurde.
Dann steigt ihr hinauf auf die Akropolis.
Dort seid ihr in Athenas Welt.
Hier stand ihre gewaltige Statue im Parthenon. Hier erzählten die Athener von ihren ältesten Königen. Und hier gehörten Erde, Schlangen, Kekrops und Erichthonios zur heiligen Vergangenheit der Stadt.
Besonders beim Erechtheion begegnet ihr dieser uralten Schicht der Athener Mythologie wieder.
So liegen über der Stadt bis heute zwei Orte:
Unten die Agora – Hephaistos und die Menschen, die arbeiten und Dinge erschaffen.
Oben die Akropolis – Athena und das geheimnisvolle Kind aus der Erde, aus dem einer der ersten Könige Athens wurde.
Und zwischen beiden liegt Athen – die Stadt, die aus diesen Geschichten ihre eigene Vergangenheit gemacht hat.